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Es war ein kalter Januarabend im Stade Municipal, doch die 27.000 Zuschauer hatten schnell vergessen, dass ihre Finger frieren. Was der SV Yverdon und der SC Chiasso da am 6. Spieltag der 1. Liga Schweiz boten, war ein wilder Tanz zwischen Angriffslust, rohen Emotionen und - man möchte fast sagen - mediterranem Drama. Am Ende jubelte Yverdon über ein 2:1, das knapper war, als es die Statistik vermuten lässt. Die Partie begann mit einem Paukenschlag: Chiasso drückte von Beginn an. Bereits in der zweiten Minute prüfte Olaf Bayer den jungen Yverdon-Keeper Ümit Seyhan mit einem strammen Schuss. Seyhan, 21 Jahre jung und offenbar mit Katzenreflexen gesegnet, segelte durch die Luft und boxte den Ball weg - ein frühes Statement. "Ich wollte gleich zeigen, dass wir hier nicht auf Urlaub sind", grinste der Torwart später. Doch während Chiasso wie entfesselt stürmte und sich eine Torschussstatistik von 14:6 erarbeitete, war es Yverdon, das den ersten Treffer setzte. In der 23. Minute zirkelte Pascal Fritsch einen Pass durch die Lücke, Jacques Kroll rauschte heran, nahm den Ball volley - und versenkte ihn eiskalt. 1:0! Der 20-Jährige riss die Arme hoch, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. "Ich hab einfach draufgehalten", lachte Kroll nach dem Spiel, "und gehofft, dass keiner merkt, dass ich eigentlich mit dem schwachen Fuß geschossen hab." Der Jubel dauerte jedoch kaum vier Minuten. Chiassos Louis Erdmann, ein bulliger Mittelstürmer mit der Eleganz eines Betonmischers, aber der Wucht eines Presslufthammers, glich in der 27. Minute aus. Nach einem feinen Zuspiel von Xabi Gallego schob er den Ball überlegt ins rechte Eck. 1:1 - und das Spiel war wieder völlig offen. Bis zur Pause blieb Chiasso das aktivere Team. Ihr Trainer Heiko Vogel gestikulierte an der Seitenlinie, als dirigiere er ein Orchester auf Speed. "Wir wollten mutig bleiben, offensiv über die Flügel kommen", erklärte er später. Und tatsächlich: Immer wieder liefen Carvalho und Millington die Außenbahnen rauf und runter, doch Seyhan hielt, was zu halten war. Die zweite Halbzeit begann mit einem Knall - allerdings keinem schönen: In der 53. Minute sah Chiassos Rechtsverteidiger Xavi Gonzalez Rot. Ein rustikales Einsteigen gegen Boulanger ließ dem Schiedsrichter keine Wahl. "Er hat den Ball gespielt", schimpfte Vogel, "nur leider war der Ball zu diesem Zeitpunkt schon im nächsten Kanton." In Unterzahl kämpfte Chiasso weiter tapfer, aber Yverdon roch Blut. In der 70. Minute kam es dann zur Szene des Abends: Jacques Kroll, wieder er, tanzte an der rechten Strafraumkante zwei Gegenspieler aus, passte flach in die Mitte - und Claude Boulanger versenkte den Ball trocken ins linke Eck. 2:1! Der Jubel brandete durchs Stadion, Trainer und Ersatzbank sprangen sich in die Arme. Danach wurde es hektisch. Chiasso, mit Wut im Bauch und nur noch zehn Mann, warf alles nach vorne. Isaac Millington prüfte Seyhan gleich dreimal (51., 54., 61.), Carvalho hämmerte in der 91. Minute noch einmal drauf, doch das Tor blieb wie vernagelt. Die Zahlen sprachen am Ende eine andere Sprache - mehr Schüsse, bessere Zweikampfquote, mehr Aggressivität (man könnte auch sagen: weniger Zurückhaltung) bei Chiasso. Doch Fußball, das weiß man nicht erst seit gestern, ist kein Schönheitswettbewerb. Yverdon hatte 53 Prozent Ballbesitz, spielte clever, ruhig, geduldig - und war in den entscheidenden Momenten schlicht effektiver. Trainer Heiko Vogel fasste es nach dem Spiel trocken zusammen: "Wir haben das Spiel verloren, aber wahrscheinlich die Herzen der Zuschauer gewonnen. Leider gibt’s dafür keine Punkte." Yverdons Coach - ein Mann, der lieber schweigt, als etwas Banales zu sagen - lächelte nur und meinte: "Wir haben heute gezeigt, dass man auch mit weniger Torschüssen gewinnen kann. Vielleicht schreibe ich ein Buch darüber." Und so endete ein Spiel, das in Erinnerung bleiben wird - nicht wegen taktischer Finesse, sondern wegen Leidenschaft, roter Karten und eines jungen Mannes namens Jacques Kroll, der an diesem Abend zum heimlichen Star wurde. Ein Zuschauer brachte es beim Hinausgehen auf den Punkt: "Ich bin eigentlich wegen der Bratwurst gekommen - aber das war besser." Und genau so, mit einem leichten Grinsen und kalten Händen, gingen 27.000 Menschen nach Hause. Yverdon hatte gewonnen, Chiasso hatte gekämpft - und der Fußball hatte wieder einmal gezeigt, warum wir ihn lieben: weil er so verdammt unberechenbar ist. 18.03.643987 00:10 |
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