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Ein kalter Januarabend, Flutlicht, 27.000 Zuschauer und zwei Teams, die sich nichts schenken wollten: Der SV Yverdon hat am 21. Spieltag der 1. Liga Schweiz Lausanne-Sport mit 3:1 besiegt - und das nach einem frühen Schockmoment. Dabei begann alles nach Maß für die Gäste. In der 18. Minute tauchte Günther Breze, Lausannes Mittelstürmer mit der Körperhaltung eines Mannes, der morgens Spiegeleier mit der Stirn brät, frei vor Keeper Lasse Zander auf. Alexandre Dumont hatte ihn mit einem butterweichen Pass auf die Reise geschickt, und Breze ließ sich nicht zweimal bitten - 0:1. "Ich dachte, das wird heute unser Abend", grummelte Breze später. Es sollte anders kommen. Keine sechzig Sekunden später, noch während die Lausanner Fans ihren Jubel auskosteten, spielte Yverdon zum Gegenangriff an. Martin Godino, der rechte Mittelfeldmotor, flankte halb blind, halb genial in den Strafraum - und da stand der 18-jährige Pascal Marcel. Der Youngster schoss nicht, er zelebrierte. Mit einem satten Vollspann ins lange Eck zum 1:1. "Ich hab gar nicht nachgedacht", sagte Marcel später, "vielleicht war das mein Vorteil." Das Spiel, nun völlig offen, entwickelte sich zum offenen Schlagabtausch. Lausanne schoss häufiger (12 Torschüsse gegenüber 9 von Yverdon), aber die Hausherren hatten das, was man gemeinhin als "besseren Plan" bezeichnet. 53 Prozent Ballbesitz, sichere Passfolgen, und immer wieder diese schnellen Vorstöße über die Flügel. Nach der Pause wurde es dann deutlich: In der 54. Minute bediente erneut Godino seinen Kollegen Claude Boulanger, der aus spitzem Winkel abzog. Der Ball klatschte an den Innenpfosten und trudelte über die Linie - 2:1. Boulanger breitete die Arme aus, grinste in Richtung der Tribüne, als wolle er sagen: "Seht ihr, ich kann’s doch." Und noch bevor Lausanne überhaupt verstanden hatte, was da passiert war, setzte Yverdon den nächsten Stich. Sechs Minuten später war es Gerhard Hamann, der nach einer Ecke von Christopher Mann am höchsten stieg und den Ball per Kopf ins Netz wuchtete - 3:1. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass keiner im Weg steht", witzelte Hamann nach dem Spiel. Lausanne versuchte alles, blieb offensiv, spielte weiter forsch - aber ohne Fortune. Trainer Ronny Schmidt, die Hände tief in den Taschen, murmelte in der 70. Minute etwas, das wie "Warum immer wir?" klang. Seine Mannschaft zeigte Moral, erspielte sich Chancen, doch Yverdon-Keeper Zander hielt, was zu halten war. Und dann wurde es bitter: Abwehrchef Gabriel Mortensen, bereits verwarnt, griff in der 90. Minute zu einem taktischen Foul, das man auch als "Verzweiflungstat" bezeichnen könnte. Gelb-Rot, Feierabend. "Ich wollte nur den Konter stoppen", verteidigte er sich später, "aber der Schiedsrichter hatte wohl noch Energie übrig." Die Schlussminuten glichen eher einem Freundschaftsspiel im Schongang - Lausanne geschlagen, Yverdon souverän. Als der Abpfiff ertönte, jubelte das Publikum, der Stadionsprecher überschlug sich, und auf der Trainerbank der Gastgeber wurde sogar kurz getanzt. "Wir haben Charakter gezeigt", meinte ein sichtlich zufriedener Yverdon-Coach nach dem Spiel. Seinen Namen wollte er nicht in die Schlagzeilen bringen, also beließ er es bei einem Lächeln. "Der Junge Marcel hat gezeigt, dass Mut manchmal wichtiger ist als Erfahrung." Zahlenfreunde kamen an diesem Abend übrigens auch auf ihre Kosten: 53 Prozent Ballbesitz für Yverdon, eine Zweikampfquote knapp unter 50 Prozent, aber drei Tore aus neun Schüssen - das nennt man Effizienz. Lausanne dagegen: 12 Schüsse, nur ein Treffer. Oder, wie ein Fan auf der Tribüne lakonisch meinte: "So viel gezielt wie beim Dartturnier im Pub, aber keiner trifft die Scheibe." Am Ende blieb ein Gefühl, das man im Fußball liebt: Die Jungen von Yverdon hatten den Routiniers aus Lausanne gezeigt, wie man ein Spiel dreht - mit Herz, Tempo und einer Portion jugendlichem Übermut. Und als die Flutlichter langsam erloschen, rief ein Zuschauer auf den Rängen: "Mehr davon, Jungs!" - woraufhin Claude Boulanger grinsend antwortete: "Nächste Woche wieder, versprochen." Ein Abend, der in Yverdon noch lange in den Kneipen nachhallen dürfte. Lausanne dagegen wird sich fragen, wie man ein Spiel so schnell aus der Hand geben kann. Die Antwort dürfte irgendwo zwischen Minute 19 und 60 liegen - da, wo Yverdon einfach besser war. 19.09.643987 04:33 |
Sprücheklopfer
Da haben Spieler auf dem Spielfeld gestanden, gestandene Spieler.
Günter Netzer