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Es gibt Spiele, da fragt man sich als Reporter, ob der Fußballgott gerade Mittagspause macht. Das gestrige 1:1 zwischen den Western Pioneers und den Charleston Gunners im randvollen Pioneer Dome (58.540 Zuschauer) war so eines. Zwei frühe Tore, eine Verletzung, gelbe Karte, 22 Torschüsse - und am Ende doch nur ein Ergebnis, das so enttäuschend neutral klingt wie lauwarme Suppe. Die Pioneers, offensiv wie eh und je unter Trainer Karsten NRW, begannen stürmisch, fast übermütig. "Wir wollten gleich zeigen, wer hier das Hausrecht hat", sagte Angreifer Dirck Hoogaboom später, "aber offenbar hat das Tor gedacht, es sei heute geschlossen." Recht hatte er - bereits in der 9. Minute prüfte er Gunners-Keeper Antonio Cunha das erste Mal ernsthaft, doch der 20-Jährige parierte wie ein Veteran. Dann die 15. Minute: Charleston konterte mit chirurgischer Präzision. Rechtsaußen Bernd Sorglos (ein Name, der Programm zu sein scheint) schickte den pfeilschnellen William Beecroft steil, der aus spitzem Winkel trocken einschob - 0:1. Beecroft, gerade einmal 22 Jahre alt, jubelte mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen jugendlichem Übermut und "Ich-hab’s-euch-doch-gesagt" pendelte. Doch wer glaubte, die Pioneers würden geschockt reagieren, irrte. Keine 60 Sekunden später, in der 16. Minute, krachte es auf der anderen Seite: Innenverteidiger William Lorring - ja, Innenverteidiger! - stand nach einem Freistoß seines Mitspielers Adam Kinmont goldrichtig und wuchtete den Ball per Kopf unter die Latte. 1:1. "Ich dachte erst, der Schiedsrichter pfeift ab, weil ich so weit vorne war", grinste Lorring nach dem Spiel. "Aber anscheinend darf man als Verteidiger ja auch mal Spaß haben." Was danach folgte, war ein Sturmlauf der Western Pioneers, bei dem es nicht an Versuchen, wohl aber an Präzision mangelte. 22 Schüsse aufs Tor, aber nur eben dieses eine zählbare Ergebnis. Pierre Le Tallec prüfte Cunha gleich dreimal (27., 38., 49.), Roberto Serna scheiterte aus allen Lagen (47., 51., 80., 87.). Und Manuel Palladino? Der linke Flügelflitzer schoss in der 90. Minute nochmals so kräftig, dass das Tornetz vibrierte - leider von außen. Trainer Karsten NRW stand an der Linie und gestikulierte wild, als wolle er den Ball persönlich über die Linie schreien. "Ich habe 49,3 Prozent Ballbesitz gezählt", sagte er später sarkastisch, "aber anscheinend braucht man 50,6, um zu gewinnen." Eine Spitze gegen den minimalen Vorteil der Gunners im Ballbesitz, die allerdings über weite Strecken tief standen und auf Konter lauerten. Charlestons Coach Rakan Kush, sonst eher wortkarg, lobte sein junges Team: "Wir wussten, dass sie offensiv kommen würden. Wir wollten clever bleiben. Heute war das ein erwachsenes Spiel meiner Jungs." Man glaubt es ihm - immerhin hatte seine Mannschaft nur sechs Schüsse aufs Tor und traf trotzdem einmal. In der 44. Minute musste Joseph Malcolm bei den Pioneers verletzt raus. "Er hat sich bei einem Sprint in den Rasen gebohrt", erklärte Teamarzt Dr. Fenton lapidar, als wäre das eine alltägliche Freizeitbeschäftigung. Für ihn kam Bradley Bancroft, der prompt ebenfalls einen satten Schuss abgab (60.), aber auch nur Cunha fand. Oscar Ximenez holte sich in der 64. Minute die Gelbe Karte ab - ein klassischer Frustfoul-Moment, der von den Fans mit einem kollektiven "Na endlich!" quittiert wurde. In der Schlussphase brachte NRW noch den erfahrenen Vitorino Coluna (90.) für Serna und Corey Bradshaw für Ximenez - ein Versuch, der eher nach Pflichtwechsel als nach Hoffnung aussah. "Das war wie gegen eine Wand spielen", meinte Palladino nach dem Schlusspfiff. "Nur dass die Wand lachen kann - dieser Torwart war überall." Tatsächlich war Antonio Cunha der heimliche Held des Abends: 22 Schüsse, 21 gehalten - das ist eine Bilanz, die selbst gestandene Keeper stolz machen würde. Und so endete das Spiel, das nach einer Viertelstunde so viel versprach, mit einem Ergebnis, das niemandem so recht schmeckte. Die Western Pioneers bleiben damit im grauen Mittelfeld der 1. Liga USA, die Charleston Gunners nehmen einen Punkt mit, der sich für sie fast wie ein Sieg anfühlen dürfte. Zum Schluss blieb nur der trockene Kommentar von Trainer NRW: "Wenn man so viele Chancen hat, sollte man vielleicht mal den Ball fragen, ob er überhaupt rein will." Und während er das sagte, schien er selbst schon zu überlegen, wie man künftig mit Torpfosten verhandeln kann. Ein Spiel mit viel Aufwand, wenig Ertrag - und einer Moral, die so alt ist wie der Sport selbst: Wer die Dinger vorne nicht macht, kriegt hinten eins. Nur diesmal eben nicht ganz - dank eines Verteidigers namens William Lorring, der bewiesen hat, dass auch Abwehrspieler manchmal das Toreschießen nicht verlernt haben. 17.03.643987 23:22 |
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Mario Basler