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Es war einer dieser Abende, an denen der Fußball sich selbst feiert: 31.276 Zuschauer im Vestel-Stadion, Flutlicht, Dampf aus den Bechern und ein Heimteam, das den Gästen aus Istanbul mal eben zeigte, wie man einen Freitagabend würzt. Vestel SK gewann am 16. Spieltag der 1. Liga Türkei mit 3:0 gegen Gatalasaraj - und das so überzeugend, dass selbst Trainer Kiri Watslos hinterher fast philosophisch wurde: "Wir haben nicht einfach gewonnen, wir haben getanzt. Und zwischendurch abgeräumt." Von Beginn an war klar: Vestel wollte. Schon in der zweiten Minute prüfte Oktay Sanli den Gästetorwart Diego Carvalho mit einem satten Schuss, der mehr nach Warnschuss als nach Zufall klang. Und so ging es weiter: Sanli, Köhler, Van Laecken - sie rotierten, kombinierten, schossen. 18 Torschüsse standen am Ende zu Buche. Bei den Gästen waren’s nur sieben, was ungefähr so viel Angriffslust ausdrückt wie eine Parkuhr nachts um drei. Die Führung fiel dann folgerichtig in Minute 35. Christiano Velasco, der 32-jährige Rechtsaußen mit dem Rhythmusgefühl eines Samba-Tänzers, schickte Sanli steil. Ein kurzer Blick, ein trockener Abschluss - 1:0. Das Stadion bebte, und Sanli grinste danach: "Ich wollte eigentlich flanken, aber der Ball hatte andere Pläne." Gatalasaraj hatte zu diesem Zeitpunkt zwar etwas mehr Ballbesitz (51 Prozent), aber was nützt das, wenn man damit höchstens den Rasen schön poliert? Trainer Carlo Colucci brüllte sich die Seele aus dem Leib, rief "Pressing!" - doch seine Jungs verstanden eher "Picknick". Nach der Pause kam es dann dicke. In der 56. Minute überraschte Rechtsverteidiger Jean-Pierre Claude alle - inklusive sich selbst. Nach einer butterweichen Flanke von Kai Köhler drosch er den Ball volley in den Winkel. "Ich dachte, der fliegt auf den Parkplatz", lachte Claude später. Stattdessen stand’s 2:0. Gatalasaraj wechselte daraufhin: Cloutier raus, der 17-jährige Rafael Eusebio rein. Ein Hoffnungsschimmer, der so schnell verglühte wie eine Wunderkerze im Sturm. Denn neun Minuten später setzte Kai Köhler den Schlusspunkt. Nach feiner Vorarbeit von Mohamed Van Laecken lupfte er den Ball frech über Carvalho - 3:0 (65.). Der Jubel klang wie ein Orchester aus Hupen, Trommeln und ungläubigem Lachen. Danach war das Spiel entschieden. Vestel verwaltete mit Stil, Gatalasaraj mühte sich redlich, aber ohne Fortune. In der 72. Minute musste Vestels Linksverteidiger Nasreddin Özgen verletzt raus, Ogün Güven kam - und fügte sich ein, als hätte er schon immer dazugehört. "Nasreddin hat ein Ziehen gespürt", erklärte Watslos später. "Aber nicht im Bein - in der Seele, weil er runter musste." Kurz darauf sah Gatalasarajs junger Linksverteidiger Selim Eris Gelb (83.), ein Foul, das eher aus Frust als aus taktischem Kalkül entstand. Colucci stand an der Seitenlinie, die Hände in den Taschen, den Blick irgendwo zwischen Himmel und Boden: "Manchmal", seufzte er nach dem Spiel, "sieht man in den Gesichtern seiner Spieler, dass die Realität sie gerade überholt." Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Vestel SK mit 54 Prozent gewonnener Zweikämpfe, Gatalasaraj mit 45 Prozent. Aus 18 Schüssen machte Vestel drei Tore - Effizienz, wie sie in Lehrbüchern stehen sollte. Ballbesitz? Fast ausgeglichen, aber die entscheidenden Meter gingen an die Hausherren. Torwart Albert Bushnell musste nur selten eingreifen, doch wenn, dann mit Stil. Ein Flug in der 71. Minute, als Alper Korkmaz abzog, war pure Eleganz. "Ich habe kurz gedacht, ich fliege zu weit", grinste Bushnell. "Aber dann war der Ball brav genug." Nach dem Abpfiff feierten die Fans ihre Helden. Velasco tanzte mit dem Maskottchen, Watslos umarmte jeden, der nicht schnell genug wegsah, und Sanli posierte mit einem Ball unter dem Arm - "Souvenir", wie er sagte. Trainer Colucci hingegen verschwand wortlos im Kabinengang. Vielleicht überlegte er, ob "balanced alignment" wirklich die richtige Taktik war gegen ein Team, das an diesem Abend alles andere als ausbalanciert spielte - sondern einfach brillant. Zum Schluss bleibt die Erkenntnis: Vestel SK hat sich mit diesem 3:0 nicht nur drei Punkte, sondern auch den Respekt des Publikums erarbeitet. Und wer dabei war, wird sich erinnern - an einen Abend, an dem selbst die Flutlichter zu lächeln schienen. Oder wie es ein älterer Fan beim Rausgehen murmelte: "Wenn Fußball immer so aussieht, dann zahl ich auch fürs Parken gern doppelt." 11.07.643987 18:08 |
Sprücheklopfer
Sicherlich haben wir im Moment einen kleinen Lauf, aber Lauf heißt ja bekanntlich Lauf, weil's von laufen kommt.
Matthias Sammer