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Wenn 41.300 Zuschauer an einem frostigen Januarabend ins Stadion strömen, erwarten sie meist zwei Dinge: Glühwein und Tore. Bei der ersten Hälfte wurde das Publikum reichlich bedient, bei der zweiten musste man schon genauer hinsehen, um das Spektakel zu erkennen. Am Ende aber jubelte Vestel SK - dank eines einzigen, goldenen Moments von Kai Köhler in der 30. Minute. Dabei war das Spiel ein Musterbeispiel dafür, wie man mit wenig Ballbesitz und viel Leidenschaft einen Sieg erzwingen kann. Ganze 35,6 Prozent der Zeit hatte Vestel SK den Ball - den Rest durften die Italiener von UC Albinoleffe streicheln, quer und zurück, bis sie sich fast selbst einlullten. Trainer Kiri Watslos kommentierte trocken: "Wir wollten nicht den Ball, wir wollten das Tor. Und wir haben’s gefunden." Gefunden hat es tatsächlich Kai Köhler, der in der 30. Minute aus halblinker Position eiskalt vollstreckte. Der Assist kam von Rechtsverteidiger Jean-Pierre Claude, der danach selbst überrascht wirkte. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste er nach dem Spiel, "aber Kai hat’s wohl als Einladung verstanden." Ein Schuss - ein Tor - und das sollte reichen. Bis dahin hatte Albinoleffe eigentlich alles im Griff. Schon in der vierten Minute prüfte Gianmarco Marittimo den Heimkeeper Albert Bushnell mit einem satten Linksschuss. Kurz darauf folgten Doucet und Basile mit weiteren Abschlüssen, die aber eher in die Kategorie "freundliche Annäherung" fielen. Und so kam, was kommen musste: Ein Ballverlust im Mittelfeld, ein schneller Vorstoß von Vestel, und plötzlich stand Köhler da, wo ein Stürmer stehen muss. Danach verwandelte sich das Spiel in ein Lehrstück kontrollierter Panik. Albinoleffe erhöhte den Druck, schnürte den Gegner phasenweise im eigenen Strafraum ein, während Bushnell mit ausgebreiteten Armen und theatralischem Gestöhne seine Verteidiger dirigierte. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft ich ’raus!’ geschrien habe", gestand der Torwart später - und grinste dabei so breit wie der Querbalken hinter ihm. Vestel verteidigte mit allem, was Beine hatte. Thomas Klein, der erfahrene Sechser mit den grauen Schläfen, kassierte in der 39. Minute Gelb, weil er "zu leidenschaftlich" in einen Zweikampf ging - zumindest nannte Schiedsrichter Havel das so. Wenig später sahen auch Serge Almond (74.) und Jean-Pierre Claude (75.) Gelb, offenbar inspiriert vom Motto "Wenn wir schon nicht den Ball haben, dann wenigstens den Gegner." Albinoleffe-Coach Danek Petri dagegen wurde zunehmend nervös. "Wir haben den Ball, die Chancen, die Kontrolle - nur das Tor fehlt", stöhnte er zur Pause und warf seine Wasserflasche in den Rasen. Seine Mannschaft versuchte es weiter mit aller Macht, Jose Meira hatte gleich drei gute Gelegenheiten zwischen der 49. und 61. Minute, doch Bushnell hielt den Kasten sauber. "Der Typ ist wie eine Katze auf Koffein", meinte Petri später, halb bewundernd, halb verzweifelt. In der Schlussphase brachte Watslos frische Beine: Poulin kam für den müden Klein (47.), später Karaman und Monroe (beide 76.) für Claude und Velasco. "Wir haben das Ding mit Schweiß verteidigt", so der Trainer - und das war keine Übertreibung. Während Albinoleffe auf den Ausgleich drückte, konterte Vestel sporadisch, etwa in der 77. Minute, als der junge Oktar Korkut aus der Distanz abzog. Nur knapp vorbei - und 41.300 Kehlen hielten kurz die Luft an. Die letzten zehn Minuten waren ein einziger italienischer Belagerungszustand. Valdes, Basile, Doucet - einer nach dem anderen probierte sein Glück, doch der Ball wollte einfach nicht rein. Der Höhepunkt: In der 85. Minute schickte Doucet einen Kopfball haarscharf über die Latte. Petri stand an der Seitenlinie, die Hände im Gesicht, und murmelte: "Fußball kann grausam sein." Als der Schlusspfiff ertönte, fiel Watslos seinem Torwart um den Hals, während Köhler mit beiden Armen zum Himmel zeigte. "Manchmal reicht ein Tor, wenn’s das richtige ist", sagte der Torschütze - und grinste dabei so, als hätte er gerade die Weltformel entdeckt. Statistisch betrachtet war Albinoleffe besser: 64 Prozent Ballbesitz, 11 Torschüsse, kaum Fehlpässe. Nur im wichtigsten Wert - Tore - stand die Null. Vestel dagegen schoss zwölfmal aufs Tor, traf einmal und gewann. So einfach, so unfair, so Fußball. Im Abgang ließ Watslos noch einen Spruch da, der wohl in den Kabinen noch zitiert wird: "Man muss den Ball nicht lieben, um Spiele zu gewinnen - man muss ihn nur im richtigen Moment treffen." Am Ende bleibt ein 1:0, das in seiner Schlichtheit fast poetisch wirkt. Vestel SK feiert den Einzug in die nächste Runde, Albinoleffe dagegen nimmt Ballbesitz als Trostpreis mit nach Hause. Und irgendwo in der Nacht summt Bushnell wahrscheinlich immer noch leise vor sich hin: "Zu null, Baby. Zu null." 23.07.643987 05:12 |
Sprücheklopfer
Das spricht vielleicht für eine schlechte Vereinskarriere - aber das war ein Höhepunkt meiner Laufbahn!
Jan-Aage Fjörtoft auf die Frage, was ihm der Siegtreffer gegen Bayern München bedeutet