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32569 Zuschauer erlebten am Freitagabend im Vestel-Stadion ein Spiel, das wieder einmal zeigte, dass Ballbesitz nicht alles ist. Während Genclerbirligi gefühlt das ganze Spiel über den Ball streichelte, traf Vestel SK in den entscheidenden Momenten - und gewann mit 3:2 (1:1). Trainer Kiri Watslos wirkte nach dem Abpfiff so erleichtert, als hätte er gerade eine Steuerprüfung überstanden. "Wir haben nicht den schönsten Fußball gespielt", sagte er, "aber schön ist das neue egal, solange das Netz wackelt." Dabei hatte es zunächst gar nicht nach einem Heimerfolg ausgesehen. Die Gäste aus Ankara bestimmten das Geschehen, kombinierten gefällig, wirkten reifer - und schossen aus allen Lagen. 15 Torschüsse zählte die Statistik für Genclerbirligi, nur sechs für Vestel. Doch die Effektivität machte den Unterschied. Bereits in der 18. Minute schlug der junge Yekta Akagündüz zu. Der 20-Jährige, der aussieht, als würde er noch auf dem Campus wohnen, vollendete nach feinem Zuspiel von Avraam Firos eiskalt zum 1:0. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste er später, "aber dann dachte ich: Ach komm, versuchen wir’s mal." Die Gäste antworteten prompt. Nur drei Minuten später glich der erfahrene Axel Theunis nach Vorlage von Julian Martins aus - 1:1 in der 21. Minute. "Das war der Moment, in dem wir dachten, jetzt kippt das Spiel zu unseren Gunsten", sagte Genclerbirligi-Coach Abdullah Avci. "Leider hat uns dann jemand den Stecker gezogen." Dieser "Jemand" hieß Javier Helguera. Direkt nach Wiederanpfiff (46.) traf der Rechtsaußen für Genclerbirligi zum 2:1. Alles schien auf einen Auswärtssieg hinauszulaufen, zumal Vestel SK kaum Zugriff bekam. Der Ballbesitz lag klar bei den Gästen (58 Prozent), die Tackling-Quote von Vestel (nur 45,7 Prozent) sprach ebenfalls Bände. Doch dann kam Christophe Poulin. In der 52. Minute zog der Mittelfeldmotor aus gut 20 Metern ab - und plötzlich stand es 2:2. Vorlage kam ausgerechnet von Erim Tanman, einem 17-jährigen Innenverteidiger, der sonst eher als Sicherheitsrisiko gilt. "Ich hab einfach mal durchgesteckt", erklärte der Teenager schüchtern. Watslos grinste: "Und das war wahrscheinlich der intelligenteste Pass des Abends!" Das Spiel wogte hin und her. Genclerbirligi rannte an, verpasste aber mehrfach das Tor - Van Vleck, Waldo, Helguera und Martins vergaben reihenweise Chancen. So mancher Zuschauer auf der Haupttribüne fragte sich, ob die Gäste vielleicht eine Tor-Allergie hätten. In der Schlussphase wechselte Watslos gleich dreifach, was nach Chaos roch, aber Wirkung zeigte. In der 90. Minute kam der Moment des Abends: Rhys Monroe setzte sich auf der rechten Seite durch, flankte scharf nach innen, und Kai Köhler - gerade erst eingewechselt - drückte den Ball zum 3:2 über die Linie. Der Jubel war ohrenbetäubend. "Ich wusste, dass ich noch eine Chance bekomme", sagte Köhler später mit einem Grinsen. "Und wenn ich schon 86 Minuten auf der Bank schwitze, dann muss es sich lohnen." Genclerbirligi drückte in den letzten Sekunden noch einmal, aber vergebens. Ihr 15. Schuss auf das Tor landete in den Armen von Torwart Daniel Rushton, der nach Abpfiff erleichtert die Fäuste ballte. "Das war kein Sieg der Schönheit", gab er zu, "aber einer des Herzens." Abdullah Avci hingegen stapfte wortlos in die Kabine. Später erklärte er: "Wir haben alles richtig gemacht, außer Tore geschossen." Eine Analyse, der wohl niemand widersprechen konnte. Taktisch blieb Vestel SK über weite Strecken offensiv ausgerichtet, während Genclerbirligi kontrolliert und ausgeglichen agierte. Doch am Ende half alles Ballbesitz-Geschiebe nichts - der Fußballgott hatte offenbar ein Herz für Effizienz. Zum Schluss fasste es Stadionsprecher Mehmet trocken zusammen: "Manchmal reicht’s, wenn man öfter ins richtige Netz trifft." Und so feierte Vestel SK einen wichtigen Heimsieg am 22. Spieltag der 1. Liga Türkei - mit drei Punkten, drei Torschützen und einer ordentlichen Portion Glück. Am Ausgang jubelten die Fans, während Trainer Watslos noch einmal tief durchatmete. "Ich glaube, ich brauch jetzt erst mal Kamillentee", murmelte er. Nach so einem Spiel darf man das. 30.09.643987 23:39 |
Sprücheklopfer
Sicherlich haben wir im Moment einen kleinen Lauf, aber Lauf heißt ja bekanntlich Lauf, weil's von laufen kommt.
Matthias Sammer