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79500 Zuschauer standen am Sonntagabend in Dornbirn Kopf - und rieben sich am Ende verwundert die Augen. Union Dornbirn hatte gegen den SC Norderstedt alles im Griff, führte 2:0, hatte mehr Ballbesitz, mehr Ideen, mehr Lärm. Doch am Ende jubelten die Norddeutschen, die sich mit einem 4:3-Auswärtssieg eine glänzende Ausgangsposition fürs Rückspiel verschafften. "Ich weiß gar nicht, ob ich mich freuen oder mich bei meiner Abwehr entschuldigen soll", grinste Norderstedts Trainer André Marsmann nach dem Schlusspfiff und klopfte seinem dreifachen Torschützen Hans Vanderveer auf die Schulter. "Der Junge hat heute einfach beschlossen, dass er Champions League spielen will - und zwar richtig." Dabei hatte alles nach einem Dornbirner Fußballfest ausgesehen. Schon in der 20. Minute traf Rechtsverteidiger Brandon McShane nach einem herrlichen Doppelpass mit Stürmer Oscar Muster zum 1:0. Eine Minute später legte Aggelos Pagalis mit einem flachen Schuss ins lange Eck nach - 2:0, die Arena tobte. "In dem Moment dachte ich: Das wird ein ruhiger Abend", sagte Union-Coach Olaf Dragon später trocken. "Das war natürlich naiv." Denn Norderstedt, das bis dahin vor allem durch gelbe Karten und Fehlpässe auffiel - Kahraman Bikmaz sah nach 36 Minuten Gelb und flog in der 59. Minute mit Gelb-Rot vom Platz -, drehte plötzlich auf. Kurz vor der Pause brachte Hans Vanderveer die Gäste mit einem satten Rechtsschuss nach Zuspiel von Alex Botin wieder ins Spiel (43.). Halbzeit: 2:1. Die Dornbirner Fans wippten noch fröhlich im Rhythmus der Stadionmusik, als Vanderveer direkt nach Wiederanpfiff erneut zuschlug (46.) - diesmal nach Vorlage von Adam Richard. Und als derselbe Vanderveer in der 55. Minute sogar das 3:2 erzielte, war es still wie im Lesesaal einer Stadtbibliothek. Doch Union wäre nicht Union, wenn sie nicht noch einmal aufgestanden wären. Werner Pohl, der Dauerläufer im Mittelfeld, jagte den Ball in der 61. Minute nach Vorarbeit von Oscar Muster in den Winkel - 3:3, Hoffnung! "Da dachte ich, wir sind wieder da", schnaufte Pohl nach dem Spiel, "aber dann kam dieser Vanderveer schon wieder - ach nein, diesmal war’s Lester!" Tatsächlich war es in der Nachspielzeit Adam Lester, der in der 93. Minute den Knockout setzte. Wieder hieß der Vorbereiter Alex Botin, wieder war es ein präziser Pass in den Rücken der Abwehr, wieder jubelten die Gäste. 4:3 - und das in Unterzahl. "Wir haben zu kompliziert gedacht", sagte Dornbirns Trainer Dragon. "Vielleicht wollten wir das schönste Tor des Abends schießen, während Norderstedt einfach Tore machte." Seine Worte trafen den Nerv: Trotz 56 Prozent Ballbesitz und 13 Torschüssen blieb Union am Ende nur der Applaus für eine spektakuläre, aber bittere Niederlage. Norderstedt hatte mit 14 Torschüssen kaum weniger Zug zum Tor, wirkte aber entschlossener, direkter, norddeutsch nüchtern. "Wir sind nicht hier, um Postkarten zu kaufen", meinte Marsmann mit einem Augenzwinkern. Für Gesprächsstoff sorgte auch die Szene in der 84. Minute, als Norderstedts Innenverteidiger Manuel Garcia verletzt vom Platz musste. Dragon klatschte da schon nervös in die Hände, um seine Spieler wachzurütteln. "Ich hab ihnen zugerufen: Jungs, das ist kein Freundschaftsspiel!", erzählte er. "Aber da lag Garcia schon und Vanderveer grinste - typisch!" Die Fans sahen jedenfalls ein echtes Spektakel: fünf Tore in der ersten Stunde, eine Gelb-Rote Karte, Verletzungsdrama und eine Nachspielzeit, die legendär werden könnte. Als der Schiedsrichter endlich abpfiff, war die Luft so dick, dass man sie schneiden konnte. "Wir wissen, dass wir zu Hause alles geben müssen", sagte Marsmann. "Aber mit vier Auswärtstoren fahre ich heute mal ganz entspannt in den Bus." Olaf Dragon dagegen verschwand kopfschüttelnd im Kabinengang, murmelnd: "Wenn Schönheit Punkte bringen würde, stünden wir schon im Viertelfinale." Ein Achtelfinale, das alles hatte - Tempo, Chaos, Emotionen und den Beweis, dass Fußball manchmal einfach ein schlechter Witz mit großartigem Unterhaltungswert ist. Und irgendwo auf der Tribüne meinte ein Fan, der seine Stimme längst verloren hatte: "Wenn das das Hinspiel war, will ich das Rückspiel gar nicht überleben." So ist Fußball - gnadenlos, unberechenbar und manchmal eben norddeutsch effizient. 02.06.643993 05:13 |
Sprücheklopfer
Ja gut, ich sag mal so: Woran hat's gelegen? Das ist natürlich die Frage und ich sag einfach mal: Das fragt man sich nachher natürlich immer!
Olaf Thon auf die Frage nach dem Grund einer Niederlage