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Ein lauer Sommerabend, 27.000 Zuschauer, sechs Tore - und am Ende wusste keiner so recht, ob er jubeln oder seufzen sollte. Crema Rafaela und der FC Tucuman trennten sich am 20. Spieltag der 1. Liga Argentinien mit einem wilden 3:3 (1:2). Es war eines jener Spiele, bei denen man zwischendurch das Gefühl hatte, die Defensive beider Teams sei irgendwo auf der Tribüne Popcorn holen gegangen. Die Partie begann mit einem Knall. Kaum war die erste Minute gespielt, hatte Tucumans Michel Arrondo schon zweimal aufs Tor geballert, als wolle er sich den Ball in die Geschichtsbücher schießen. In der 14. Minute gelang ihm das dann tatsächlich: Nach einem langen Ball von Ingo Mourino traf der 28-jährige Flügelflitzer aus spitzem Winkel - 0:1. "Ich dachte, der Ball rollt raus, aber er küsste das Netz. Vielleicht war’s der Wind", grinste Arrondo später. Crema Rafaela wirkte kurz konsterniert, dann wild entschlossen. In der 26. Minute bediente Damian Carcedo den erfahrenen Marc Martins, der mit der Ruhe eines Mannes, der schon alles gesehen hat, zum 1:1 einschob. Der Jubel im Stadion war gerade verklungen, da schlug Tucuman wieder zu: Ingo Mourino, sonst eher für rustikale Grätschen bekannt, köpfte nach einer Ecke in der 30. Minute zur erneuten Führung ein. "Ich bin Innenverteidiger, kein Tänzer - aber manchmal muss man eben auch tanzen", lachte Mourino nach dem Spiel. Mit 1:2 ging es in die Pause, und man hatte das Gefühl, es könne noch einiges passieren. Tucumans Trainer Justin Moller nickte beim Gang in die Kabine zufrieden, während ein paar Fans von Crema Rafaela etwas lauter anmerkten, dass "Pressing" offenbar ein Fremdwort sei. Die zweite Halbzeit begann, wie die erste aufgehört hatte - mit einem Tor. Nur diesmal auf der anderen Seite: In der 47. Minute kam Tucumans Joker Marco Pappalardo, gerade erst für Arrondo eingewechselt, frei vor das Tor und erhöhte auf 1:3. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand Pappalardo später mit einem Augenzwinkern. Doch Crema Rafaela zeigte Moral. Wieder war es Marc Martins, der in der 49. Minute eine feine Kombination über Raphael Mertens vollendete - 2:3. Und plötzlich stand das Stadion Kopf. Die Gastgeber drückten, Tucuman wackelte, und der junge Cesar Velasquez, gerade einmal 20 Jahre alt, sollte in der 66. Minute zum Helden werden. Nach Vorlage von Humberto Dominguez drosch er den Ball aus kurzer Distanz unter die Latte - 3:3! "Ich hab’ einfach draufgehalten", sagte Velasquez, "der Trainer sagt immer: Wenn du nachdenkst, ist es zu spät." Recht hatte er. Danach ging’s hin und her, als hätte jemand auf der Playstation den Modus "keine Verteidigung" eingeschaltet. Tucumans Lucas Fraser hatte gleich vier gute Chancen (73., 74., 80., 82.), scheiterte aber immer wieder an Keeper Vitorino Meireles oder an der eigenen Zielgenauigkeit. Auf der anderen Seite prüfte Dominguez den gegnerischen Torwart Lundqvist mehrfach, doch das Netz blieb still. Auch die Statistik sprach für das Spektakel: 13 zu 15 Torschüsse, 53 Prozent Ballbesitz für die Hausherren, Tacklingquote nahezu ausgeglichen - ein Spiel auf Messers Schneide. In der 56. Minute sorgte eine Szene für Aufregung: Rafaelas Bruno Ronaldo musste nach einem Zusammenprall vom Platz, sein Ersatz Juan Pablo Granero hielt keine zehn Minuten durch, ehe er sich selbst verletzte. "Das war heute wie in einer schlechten Krankenhausserie", stöhnte Trainer Moller später, "jede Szene endete mit einem Eisbeutel." Am Ende blieb es beim gerechten 3:3. Beide Teams hätten gewinnen können, beide hätten verlieren können. Tucuman bleibt damit im Tabellenmittelfeld, während Crema Rafaela weiter auf den Befreiungsschlag wartet. "Wenn man sechs Tore sieht, war’s kein schlechter Abend", sagte Tucumans Coach Moller beim Abpfiff, während sein Gegenüber nur trocken meinte: "Ich sehe das anders - wir hatten drei davon kassiert." Die Fans gingen jedenfalls zufrieden nach Hause - manche lachend, manche kopfschüttelnd. Fußball eben. Und wer weiß: Vielleicht treffen sich diese beiden Mannschaften irgendwann wieder - und dann bringt bitte jemand eine Abwehr mit. 07.09.643987 21:39 |
Sprücheklopfer
Wir müssen vor dem Tor einfach cooler sein, einfach heißer.
Thomas Doll