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Wenn man im Old Trafford am Montagabend um 20:30 Uhr genau hinhörte, konnte man das kollektive Aufstöhnen der 32.000 Zuschauer nach 28 Minuten fast als Chorprobe missverstehen. Liverpool führte 2:0, die Devils wirkten zahm wie Schmusekätzchen, und Trainer Heiner Schneider grinste an der Seitenlinie, als hätte er gerade das Fußballrad neu erfunden. Doch dann, nach der Pause, passierte das, was im Fußball so oft passiert, wenn man sich zu früh sicher fühlt: Das Spiel kippte. Am Ende stand ein 2:2, das sich für Manchester wie ein Sieg und für Liverpool wie ein Déjà-vu anfühlte. Schon in der 10. Minute hatte der 19-jährige Oliver Watkins für die Reds eiskalt getroffen - nach feiner Vorarbeit vom erfahrenen John Millington. "Ich hab einfach nur draufgehalten", grinste Watkins hinterher, "und gehofft, dass ich den Ball richtig treffe. Hat geklappt." Liverpool war zu diesem Zeitpunkt die deutlich aktivere Mannschaft: 18 Torschüsse insgesamt, fast doppelt so viel Ballbesitz und ein Selbstbewusstsein, das in den Katakomben noch nachhallte. Nur zehn Minuten später sah James Badham Gelb, was ihn allerdings nicht groß störte: "Ich wollte nur zeigen, dass ich da bin", kommentierte er trocken. In der 28. Minute legten die Reds nach - diesmal war es Josef Lundqvist, der nach einem butterweichen Pass von Lewis Valentine einschob. 0:2, und auf der Tribüne begannen die ersten Fans der Devils, ironisch zu applaudieren. "Ich hab in der Pause überlegt, ob ich die Jungs erinnern muss, dass sie eigentlich Fußballprofis sind", meinte ein sichtlich genervter Devils-Coach nach dem Spiel. Was auch immer er in der Kabine sagte - es wirkte. Kaum war die zweite Hälfte angepfiffen, stürmte Pau Molina auf der linken Seite los, flankte, bekam den Ball zurück, und schob ihn selbst in der 46. Minute ein. 1:2. "Ich dachte, ich bin im Traum", sagte Molina später lachend. "Ich hab noch nie so früh nach der Pause getroffen - meistens bin ich da noch mit dem Tee beschäftigt." Nur zehn Minuten später dann der Ausgleich: Der erst 19-jährige Christopher Hardin, Bruder des gelbverwarnten Bradley, nahm einen langen Ball von Jack Barrymore auf, drehte sich elegant um die eigene Achse und versenkte ihn eiskalt. 2:2. "Ich hab einfach nicht nachgedacht", so Hardin mit jugendlicher Unbekümmertheit. "Wenn ich denke, geht’s meistens daneben." Von da an war das Spiel plötzlich offen, auch wenn Liverpool weiterhin drückte. Watkins, Gallagher und Lundqvist feuerten aus allen Lagen, insgesamt kamen die Reds auf 18 Schüsse aufs Tor - die Devils gerade mal auf fünf. Doch Torwart Morgan Lockwood, 20 Jahre jung und mit Nerven aus Drahtseilen, hielt, was zu halten war. In der 93. Minute rettete er mit einer Hand noch gegen Watkins und brüllte danach so laut, dass selbst die Ersatzspieler auf der Tribüne kurz zusammenzuckten. "Wir haben uns das selbst eingebrockt", gab Reds-Trainer Heiner Schneider nach dem Spiel zu. "Wer 45 Minuten lang so dominant ist und dann auf Sparflamme schaltet, darf sich nicht wundern, wenn der Gegner plötzlich Spaß bekommt." Gleichzeitig lobte er den Kampfgeist der Devils: "Die haben sich reingebissen. Das war kein Zufall." Statistisch gesehen war Liverpool das klar bessere Team - etwas mehr Ballbesitz (51 zu 49 Prozent), deutlich mehr Abschlüsse und eine Zweikampfquote von 56 Prozent. Doch Manchester zeigte, dass Moral manchmal die schönste Statistik ist. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn ihr schon nicht besser seid, dann seid wenigstens lauter", verriet der Devils-Coach augenzwinkernd. In der Mixed Zone grinste Hardin noch immer, während Molina ihm auf die Schulter klopfte. "Zwei junge Stürmer, zwei Tore - vielleicht war das heute der Beginn einer neuen Ära", raunte ein Fan im Hintergrund. Ob es so kommt, wird die Zukunft zeigen. Für den Moment aber bleibt: Ein 2:2, das nach Schlusspfiff wie ein kleines Wunder wirkte - und das in einem Spiel, das zur Halbzeit eigentlich längst entschieden war. Oder, wie es Pau Molina später formulierte: "Wenn du als Teufel in der Hölle stehst, musst du halt irgendwann tanzen." 22.08.643993 14:05 |
Sprücheklopfer
Kopfball war für mich immer so etwas ähnliches wie Handspiel.
Günter Netzer