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Was für ein Abend im kybunpark! 48 006 Zuschauer sahen am 20. Spieltag der 1. Liga Schweiz ein Spiel, das alles hatte: Tempo, Tore, Taktik - und Momente, in denen man sich fragte, ob die Verteidiger beider Teams kollektiv beschlossen hatten, mal kurz Kaffee trinken zu gehen. Am Ende jubelte der SC Chiasso nach einem 3:2‑Sieg beim SV St. Gallen - und das nicht unverdient, wenn man auf die Statistiken schaut: 18 Torschüsse zu 10, 52 Prozent Ballbesitz, eine ordentliche Portion Mut und ein junger Held namens Walther Hermann. Dabei fing alles so an, wie es die gut gelaunten Heimfans erwartet hatten - zumindest bis zur 15. Minute. Da trat Chiassos Innenverteidiger Jamie MacDuff (!) nach einer Ecke an den Ball, als wäre er seit Jahren Mittelstürmer. Alejandro Poncela hatte den Ball butterweich serviert, MacDuff nickte ein - 0:1. "Ich dachte erst, er will klären", grinste später St. Gallens Trainer Mike Pregler sarkastisch. "Aber offenbar hatte Jamie andere Pläne." Vier Minuten später antworteten die Ostschweizer mit einem Angriff aus dem Lehrbuch: Jean‑Pierre Menard flankte von links, Didier Kopp hielt den Fuß hin - 1:1. Der Ausgleich kam so schnell, dass Chiassos Torwart Joseph Bridges noch dabei war, den Jubel des Führungstreffers zu verarbeiten. "Wir sind halt höflich, wir geben Geschenke sofort zurück", witzelte Kopp nach dem Spiel. In der Pause war St. Gallen leicht tonangebend, Chiasso lauerte - und kam genau so aus der Kabine, wie man eine Mannschaft nicht kommen lassen sollte: noch halb im Pausentee. In der 48. Minute drückte Niko Franz nach Vorarbeit von Ashton Hiliard den Ball aus 16 Metern ins Netz. 2:1! Die Tribünen bebten, und Pregler ballte die Faust. Doch kaum hatte der Stadionsprecher den Namen "Franz" zu Ende gerufen, zappelte der Ball schon wieder im anderen Tor. Zwei Minuten später, 50. Minute: Christiano Ronaldo - nein, nicht der - sondern der gleichnamige zentrale Mittelfeldspieler Chiassos, traf nach Pass von Carlo Cetraro zum 2:2. "Ich sag’s euch, jedes Mal wenn der Stadionsprecher ’Christiano Ronaldo’ sagt, denken die Leute an den anderen", lachte Chiasso‑Trainer Heiko Vogel später. "Aber ich nehme jeden Torjubel, egal wessen Bild dabei im Kopf der Fans auftaucht." Das Spiel wogte hin und her, Chiasso blieb gefährlicher. Und dann kam Minute 63. Der 19‑jährige Walther Hermann, gerade erst eingewechselt, setzte ein Zeichen, das man in Chiasso wohl noch lange erzählen wird: Poncela flankte erneut von rechts, Hermann nahm den Ball direkt - und traf zum 3:2. Eiskalt, jugendlich frech, technisch sauber. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte er hinterher schüchtern. "Coach meinte vorher: ’Mach was Verrücktes!’ - na ja, hab ich halt gemacht." St. Gallen versuchte danach alles, um wenigstens einen Punkt zu retten. Mike Pregler brachte Carl Boutin und den jungen Jacques Martineau, später sogar den 17‑jährigen Eric Lavoie. Der dribbelte sich in der 88. Minute tatsächlich durch den Strafraum, stolperte dann aber über seinen eigenen Mut. "Ich hab nur den Ball gesehen, dann war er weg", murmelte Lavoie nach dem Abpfiff, während sein Trainer ihn tröstend auf die Schulter klopfte. Chiasso verteidigte mit Leidenschaft, manchmal auch mit Herzklopfen. Louis Erdmann hatte im Sturm gefühlt acht Chancen, traf aber nur den Ballast aus Rasen und Luft. Trotzdem war er es, der mit seinem unermüdlichen Pressing dafür sorgte, dass St. Gallen in den Schlussminuten keine Ordnung mehr fand. Am Ende stand ein 3:2‑Sieg für die Gäste, der Trainer Vogel zu einem fast philosophischen Kommentar verleitete: "Wir haben heute nicht nur Fußball gespielt, wir haben ihn überlebt." Pregler dagegen suchte nach Worten: "Zwei Tore daheim und trotzdem verloren - das ist wie ein gutes Abendessen ohne Dessert. Es fühlt sich einfach unvollständig an." Die Fans verabschiedeten ihre Mannschaft trotzdem mit Applaus. Vielleicht, weil sie wussten, dass die jungen Wilden aus St. Gallen alles gegeben hatten. Oder weil sie froh waren, dass es wenigstens nicht geregnet hat. Eines steht fest: Chiasso bleibt mit diesem Dreier im Aufwind, während St. Gallen mit hängenden Köpfen, aber erhobenem Stil in die nächste Trainingswoche geht. Und irgendwo in den Katakomben des kybunparks hörte man Mike Pregler murmeln: "Das nächste Mal schießen wir einfach vier." Ein Satz, der nach Trotz, Hoffnung - und einer Prise Humor klingt. Genau wie dieses Spiel. 07.09.643987 14:50 |
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Manchmal spreche ich zuviel.
Lothar Matthäus