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Manchmal braucht es im Fußball nur eine Halbzeit und eine gehörige Portion Wut im Bauch, um aus einem drohenden Debakel ein Fest zu machen. Der SV St. Gallen hat am Freitagabend vor 42.456 begeisterten Zuschauern im heimischen Kybunpark den FC Wil mit 4:2 (1:2) geschlagen - und das nach einer ersten Hälfte, die Trainer Mike Pregler später als "pädagogisch wertvoll" bezeichnete. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Schon in der 12. Minute zimmerte Gustav Falk den Ball nach feinem Zuspiel von Florian Münch aus spitzem Winkel in die Maschen. 1:0, der Jubel war groß, das Bier floss - und dann kam Linus Miller. Der 31-jährige Linksaußen des FC Wil, sonst eher für gepflegte Flanken bekannt, legte innerhalb von nur neun Minuten einen Doppelpack hin (18. und 21.). Zweimal stand er dort, wo es weh tut, zweimal traf er eiskalt. "Ich dachte kurz, wir hätten das Stadion gewechselt", witzelte St. Gallens Verteidiger Louis Wilhelm später. Wil führte 2:1, kontrollierte den Ball (am Ende 55 Prozent Ballbesitz) und ließ St. Gallen lange hinterherlaufen. Doch Kontrolle ist bekanntlich kein Garant für Glück - und in der zweiten Halbzeit kippte das Spiel komplett. In der 58. Minute war es erneut Florian Münch, der mit einem Pass in die Tiefe Joseph Claude fand. Der zentrale Mittelfeldmann blieb cool, schob aus 14 Metern flach zum 2:2 ein und drehte sich grinsend zu seinem Trainer: "Jetzt geht’s los." Drei Minuten später brach dann die grün-weiße Party endgültig los: Adam Payne flankte von rechts, und Borislaw Kirjakow, 22 Jahre jung, wuchtete den Ball per Kopf zum 3:2 in die Maschen (61.). Doch Payne wollte offenbar mehr als nur Vorlagengeber sein. In der 65. Minute startete er selbst durch, bekam von Ashton Hiliard einen mustergültigen Ball in den Lauf und schob trocken ins lange Eck - 4:2. St. Gallen hatte das Spiel gedreht, das Stadion tobte. "Ich hab’ den Jungs in der Pause gesagt: Wenn ihr schon offensiv spielt, dann bitte richtig", verriet Trainer Pregler mit einem süffisanten Lächeln. "Und siehe da - sie haben’s wohl ernst genommen." Seine Mannschaft feuerte eine Salve von 15 Torschüssen ab, während die Wiler bei 10 Abschlüssen blieben. FC-Wil-Coach Jens Bauer hingegen stand nach dem Spiel mit verschränkten Armen da und sagte trocken: "Wir haben das Spiel in zwölf Minuten verloren - nur leider in der falschen Halbzeit." Ein Satz, der es wohl in die Kabinenwand seiner Spieler schaffen wird. Auffällig: Trotz der Offensivschlacht blieb das Spiel über weite Strecken fair. Nur drei Gelbe Karten flogen - eine für Wils Carles de Freitas, zwei für die St. Galler Schlegel und Hiliard. In der 64. Minute brachte Pregler den 18-jährigen Adrian Enrico für Schlegel, später durfte auch der 17-jährige Volker Rudolph noch ein paar Minuten Erstligaluft schnuppern. "Ich hab’ noch nie so laut gejubelt, obwohl ich keinen Ballkontakt hatte", gestand der Teenager lachend. In den letzten Minuten versuchte Wil zwar noch einmal alles, Klaus Betz und Alfonso Gonzalo prüften St. Gallens Keeper Claude Boutin, doch der blieb standhaft. Stattdessen konterte St. Gallen fröhlich weiter, als wolle man den Gästen zeigen, wie "Offensive" im Lehrbuch aussieht. So endete das Spiel mit einem 4:2, das in seiner Dramaturgie fast filmreif war: Rückstand, Wut, Wende, Jubel. "Wenn man so zurückkommt, fühlt sich das an wie ein Sieg mit Bonuspunkten", meinte Torschütze Kirjakow, der nach dem Abpfiff von den Fans gefeiert wurde, als hätte er gerade die Meisterschaft entschieden. Statistisch gesehen war Wil das etwas "ordentlichere" Team - mehr Ballbesitz, mehr Passkontrolle. Aber St. Gallen hatte das, was in keiner Statistik auftaucht: Spielfreude, Mut und die Fähigkeit, nach einer Halbzeit voller Missverständnisse einfach das Drehbuch umzuschreiben. Oder, wie es der Stadionsprecher beim Abpfiff süffisant formulierte: "Der SV St. Gallen bedankt sich bei seinen Fans und beim FC Wil - für eine Halbzeit Lehrgeld und eine Halbzeit Fußballfreude pur." Ein Spiel, das man so schnell nicht vergisst - und das zeigt, dass im Fußball manchmal 45 Minuten reichen, um Geschichte zu schreiben. 07.08.643990 10:27 |
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Wir müssen vor dem Tor einfach cooler sein, einfach heißer.
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