// Startseite
| Football Today |
| +++ Sportzeitung für England +++ |
|
|
|
Wenn man an einem lauen englischen Montagabend ins St. Mary’s Stadium kommt, erwartet man gewöhnlich eine gepflegte Portion Melancholie, ein paar Fish-and-Chips und maximal ein müdes Unentschieden. Doch an diesem 30. Spieltag der 1. Liga England servierte Southampton dem Publikum ein Menü aus Leidenschaft, Tempo und einer Prise süffisanter Genugtuung: 3:1 gegen die Hull Tigers, und das völlig verdient - selbst wenn der Ballbesitz etwas anderes behauptet. 49.725 Zuschauer sahen ein Spiel, das furios begann. Schon in der 7. Minute stürzte Hulls Luis Sainz die heimische Hintermannschaft in frühe Ratlosigkeit. Nach Vorarbeit von Ricardo Djalo schob der 31-jährige Torjäger eiskalt ein - 0:1, und die Fans rieben sich noch die Augen. Trainer Bobby Granato ballte die Faust, während sein Gegenüber Raine Maida mit zusammengekniffenen Lippen auf die Anzeigetafel blickte. "Ich dachte kurz, ich wäre im falschen Film", gab Maida später mit einem Grinsen zu. Doch Southampton reagierte, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Nur sechs Minuten später war es Bojan Smiljanic, der nach einem butterweichen Pass von William Dennehy den Ausgleich erzielte (13.). Der Jubel im Stadion war so laut, dass man in Hull vermutlich kurz das Trainingslicht flackern sah. Smiljanic grinste nach dem Spiel: "Ich habe gar nicht überlegt - einfach drauf. Vielleicht mein bestes Tor seit dem Training am Donnerstag." Danach entwickelte sich ein Spiel, das weniger durch feines Ballgeschiebe als durch pure Entschlossenheit glänzte. Hull hatte mehr Ballbesitz (55 Prozent), Southampton aber deutlich mehr Zielstrebigkeit: 23 Torschüsse gegenüber magere sieben Versuche der Gäste. Die Tigers wirkten, als wollten sie lieber über Ballzirkulation meditieren, statt ernsthaft anzugreifen. Kurz vor der Pause zückte der Schiedsrichter Gelb für Ricardo Djalo, der offenbar glaubte, er könne Stephane Matthieus Trikot als Souvenir mitnehmen. Southampton ging mit 1:1 in die Kabine - begleitet von einem vielstimmigen Pfeifkonzert der Fans, das wohl weniger der eigenen Mannschaft galt, sondern der verpassten Führung. Nach dem Seitenwechsel legten die Saints los wie eine Rockband beim letzten Konzertabend. In der 62. Minute war es der junge Samuel Browning, der nach Vorlage von Smiljanic das 2:1 erzielte. Ein trockener Schuss, wie aus dem Lehrbuch. Der Jubel? Eine Mischung aus Erleichterung und Ekstase. "Ich hab’ einfach gespürt, dass der Ball reinmuss", sagte Browning später - und man glaubte ihm. Hull versuchte zu reagieren, stellte auf aggressiveres Pressing um, doch die Defensive der Hausherren hielt stand. Eustatius Winchel sah in der 60. Minute Gelb, was seinem rustikalen Zweikampfstil geschuldet war. "Ich wollte nur den Ball. Leider stand da jemand im Weg", kommentierte er trocken. In der Schlussphase zeigten die Saints dann, warum sie an diesem Abend schlicht wacher, wilder und williger waren. Joshua Ackland krönte in der Nachspielzeit (91.) eine starke Partie mit dem 3:1 - nach perfekter Flanke des rechten Außenverteidigers Oliver Couture. Hulls Keeper Bernd Ledig hechtete artistisch, aber vergeblich. Auf der Tribüne tanzten die Fans, und Trainer Maida rief erleichtert in Richtung Bank: "Endlich belohnen wir uns!" Die letzten Minuten waren Zugabe. Southampton wechselte aus - Smiljanic und der solide Verdasco gingen unter Applaus, während Alfie Marley und Diego Travassos noch ein paar Minuten Premier-League-Luft schnupperten. Archie Locklear kam für Julio Quaresma und brachte frischen Wind über rechts. Hull hingegen wirkte am Ende müde, fast resigniert. "Wir haben gut angefangen, aber dann den Faden verloren", murmelte Trainer Granato nach dem Spiel. "Vielleicht war’s der Wind, vielleicht die Musik im Stadion. Oder einfach Southampton." Statistisch betrachtet war’s ein kurioses Spiel: weniger Ballbesitz, aber deutlich bessere Zweikampfquote (54 zu 45 Prozent), mehr Mut, mehr Herz. Southampton spielte offensiv, manchmal wild, aber immer mit Plan - und das zahlte sich aus. Als das Flutlicht erlosch, standen die Saints Arm in Arm vor der Fankurve. Die Gesichter rot, die Stimmen heiser, die Punkte sicher. Und irgendwo zwischen Ironie und Euphorie fasste es Raine Maida perfekt zusammen: "Manchmal musst du das Spiel nicht kontrollieren - du musst es einfach wollen." Ein Satz, der nach diesem Abend wohl noch im ganzen Hafen von Southampton widerhallte. 22.08.643993 14:05 |
Sprücheklopfer
Was der Rudi Bommer heute mit seinen 800 Jahren geleistet hat, war schon phänomenal.
Dragoslav Stepanovic