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Das Flutlicht an der Südküste glühte, als 48.048 Zuschauer am Freitagabend ein Spiel sahen, das so gar nicht nach einem "gewöhnlichen" 1:1 aussah. Southampton und die Liverpool Reds trennten sich nach 90 intensiven Minuten leistungsgerecht unentschieden - aber der Weg dahin war so holprig wie ein englischer Dorfplatz im Februar. Liverpool-Coach Heiner Schneider hatte sein Team gewohnt offensiv eingestellt. Schon in den ersten zehn Minuten schossen seine Angreifer häufiger auf das Tor als manch anderer Klub in einer ganzen Halbzeit. Sergio Arrondo prüfte nach vier Minuten Southamptons Keeper Ernesto Aznar, kurz darauf folgten Alain Astruc und Josef Lundqvist - eine Dreifachpackung an Torchancen, die nach frühem Führungstreffer roch. Und tatsächlich: In der 22. Minute war es soweit. Astruc, der rechte Flügelstürmer, traf nach Vorarbeit von James Badham eiskalt ins lange Eck. Aznar streckte sich vergeblich, und der Gästeblock jubelte in tiefem Rot. "Ich wusste, dass der Ball reingeht, als ich ihn traf", grinste Astruc später, "auch wenn mein Trainer behauptet, er habe das schon fünf Sekunden vorher gerochen." Schneider nickte dazu nur trocken: "Wir riechen viele Dinge in Liverpool - aber selten ein zweites Tor." Denn das blieb aus. Die Reds dominierten zwar den Ballbesitz (knappe 51 Prozent) und feuerten 14 Torschüsse ab, doch Southampton hielt mit typisch englischer Sturheit dagegen. Trainer Raine Maida hatte vor dem Spiel gesagt: "Wir werden kontern, bis der Rasen qualmt." In der ersten Halbzeit tat er das noch symbolisch, in der zweiten dann ganz praktisch. Der Ausgleich kam ausgerechnet von einem, den man dort nicht vermutet hätte: Rechtsverteidiger Oliver Couture, der sonst lieber Bälle klärt als sie ins Netz jagt, traf in der 49. Minute nach einer Standardsituation. Nach einem Eckball von Innenverteidiger Eustatius Winchel (ja, richtig gelesen - ein Innenverteidiger als Vorlagengeber!) zog Couture trocken ab. Der Ball schlug wie ein Donnerschlag im kurzen Eck ein. "Ich war selbst überrascht, dass ich da stand", gestand Couture hinterher schmunzelnd. "Aber wenn man schon mal vorn ist, sollte man’s versuchen - sonst schimpft der Trainer wieder, man sei zu brav." Von da an entwickelte sich ein Schlagabtausch, der in Sachen Spannung alles bot, was ein Freitagabend hergeben kann - außer weiteren Toren. Liverpool rannte an, Southampton konterte, und irgendwo dazwischen verteilte Schiedsrichter Collins großzügig Gelbe Karten: erst an Liverpools Marco Hermenegildo (60.), dann an Southamptons Diego Travassos (85.) und schließlich an den frisch eingewechselten Selim Sargun (87.), der offenbar nicht wusste, dass man sich auch ohne Foul vorstellen kann. Die Schlussphase hatte Drama im Überfluss. In der 91. Minute prüfte Stephane Matthieu Liverpool-Schlussmann Reece Kendall mit einem Distanzschuss - der Keeper parierte spektakulär. Im Gegenzug traf Alain Astruc fast erneut, jagte den Ball aber in die Nacht von Southampton. Und als in der 92. Minute Miguel Romero verletzt am Boden lag, hielten alle kurz den Atem an. "Er hat sich wohl beim Sprinten mit dem Rasen angefreundet", meinte Maida halb besorgt, halb ironisch. Romero humpelte schließlich vom Platz, begleitet vom Applaus der Zuschauer. Statistisch gesehen war das Spiel ein Musterbeispiel für Gleichgewicht: 49 zu 51 Prozent Ballbesitz, 9 zu 14 Torschüsse - Zahlen, die einen hauchdünnen Vorteil für Liverpool andeuten, aber eben keinen, der auf der Anzeigetafel zählte. "Wir hätten das Ding nach Hause bringen müssen", knurrte Schneider nach Abpfiff, "aber Fußball ist kein Wunschkonzert." Sein Gegenüber Maida grinste: "Nein, aber heute haben wir die richtige Melodie gespielt." Besonders auffällig: Southamptons mutige Umstellung in der Schlussphase. Aus dem defensiven Konterfokus wurde plötzlich ein wilder Flügellauf mit starkem Pressing. Die Saints pressten hoch, kämpften um jeden Ball, als ginge es um die letzte Pizza in der Kabine. Maidas Anweisung "Jetzt alle drauf!" hallte noch bis zur Pressetribüne. Und so blieb es beim 1:1 - ein Ergebnis, das beide Seiten mit gemischten Gefühlen aufnahmen. Liverpool hatte Chancen für zwei Spiele, Southampton Kampfgeist für drei. Und irgendwo im Mittelkreis stand Oliver Couture, der Held des Abends, und sagte mit einem Augenzwinkern: "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal über mein Tor reden darf. Normalerweise fragen sie mich nur, ob ich den Ball aus dem Stadion geschossen habe." Ein gerechtes Remis also - und eines, das zeigt, dass selbst ein Rechtsverteidiger manchmal das Herz eines Torjägers haben kann. Southampton jubelte, Liverpool fluchte, und die Fans gingen heim mit dem alten Gefühl: Fußball ist eben dann am schönsten, wenn er unberechenbar ist. 11.09.643990 09:06 |
Sprücheklopfer
Hass gehört nicht ins Stadion. Solche Gefühle soll man gemeinsam mit seiner Frau daheim im Wohnzimmer ausleben.
Berti Vogts