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Ein Champions-League-Abend, wie er im Drehbuch eines leicht überdrehten Sportfilms stehen könnte: 59.000 Zuschauer, fünf Tore in 45 Minuten und ein Trainer, der nach Abpfiff eher nach doppeltem Espresso als nach abgeklärtem Sieger aussah. SC Valenciano besiegt Veilchen Wien mit 3:2 (3:2) - und das war so wild, dass man sich nach dem Pausenpfiff fast eine zweite Halbzeit gewünscht hätte, nur um durchzuatmen. Von Beginn an war klar, dass Valenciano-Trainer Lars Schm keine Lust auf Abtasten hatte. Schon nach einer Minute prüfte Diego Meireles den Wiener Keeper Hans Haag mit einem Schuss aus spitzem Winkel. "Ich dachte, der Ball sei schon drin", grinste Meireles später, "aber Haag hat wohl was gegen frühe Tore." Es dauerte dann bis zur 15. Minute, ehe Meireles tatsächlich traf - diesmal nach Vorarbeit von Marko Mornar, der den Ball so punktgenau in den Lauf spielte, dass man fast an Telepathie glauben wollte. 1:0, das Stadion bebte, und Schm ballte die Faust. Doch wer dachte, Wien würde sich ergeben, hatte die Rechnung ohne Wilhelm Rausch gemacht. Zehn Minuten später vollendete der bullige Mittelstürmer nach Pass von Yannik Konrad zum Ausgleich - und das so trocken, dass man fast das Zischen des Netzes hörte. Nur drei Minuten später legte Oskar Müller nach: 2:1 für die Gäste, und plötzlich schien die Partie zu kippen. "Da haben wir kurz geschwommen", gab Valencianos Mittelfeldmotor Benjamin Moffat später zu. "Aber Lars hat an der Seitenlinie so geschrien, dass wir wieder wussten, wo vorne ist." Die Antwort kam prompt: In der 32. Minute schlug Arnau Gonzalo nach einer Mornar-Vorlage zurück, 2:2. Und weil Mornar offenbar beschlossen hatte, an diesem Abend alle Torvorlagen des Kontinents selbst zu liefern, setzte er zehn Minuten später auch Moffat in Szene - 3:2 für Valenciano. Drei Assists in einer Halbzeit: Mornar hätte sich danach eigentlich einen eigenen Pokal basteln dürfen. Nach dieser furiosen ersten Hälfte war die zweite Halbzeit eher das, was Fußballromantiker "taktisch geprägt" nennen - und Realisten "ein kollektives Durchschnaufen". Valenciano verwaltete, Wien suchte hektisch den Ausgleich. Trainer Olgaar Olgaarson - schon der Name klingt nach nordischer Dramatik - reagierte in der 70. Minute mit einem Wechsel: Marc Schramm raus, Hugo Jordao rein. "Ich wollte frischen Wind, bekam aber eher eine leichte Brise", seufzte Olgaarson später. Statistisch blieb’s knapp: 51,9 Prozent Ballbesitz für die Hausherren, 12 Torschüsse zu 7 - also nicht die ganz große Dominanz, aber genug, um Wien in Schach zu halten. Immer wieder versuchte Müller, der auffälligste Wiener, über rechts Druck zu machen, doch Valencianos Abwehrblock um Rüknettin Aykut und Julian Wild stand stabiler als ein Fels in der Brandung. In der 88. Minute hatte Christian Schreiner noch die Chance zum 4:2 - sein Schuss rauschte haarscharf am Pfosten vorbei. Da hob Schm bereits beide Arme, als wolle er sagen: "Mehr Spannung verkraftet mein Blutdruck nicht." Nach dem Abpfiff fiel die Anspannung von allen ab. Meireles, Gonzalo und Moffat umarmten sich, als hätten sie gerade das Endspiel gewonnen. "Wir haben heute Herz gezeigt, und ein bisschen Chaos gehört dazu", sagte Schm später mit müdem Lächeln. Sein Wiener Gegenüber konterte trocken: "Wenn Valenciano Herz gezeigt hat, dann haben wir zumindest Charakter bewiesen. Leider hat der Schiedsrichter keine Punkte dafür vergeben." Die Fans verließen das Stadion mit roten Wangen und heiserer Stimme - das, was man einen europäischen Fußballabend nennt, der auf Jahre in Erinnerung bleibt. Und irgendwo zwischen den leeren Kaffeebechern in der Trainerkabine lag wahrscheinlich schon Schm’s Notiz für das Viertelfinale: "Mornar nie wieder auswechseln." Ein Spiel, das allen zeigte, was Fußball sein kann: unberechenbar, emotional - und manchmal so verrückt, dass man gar nicht merkt, dass in der zweiten Halbzeit eigentlich gar nichts passiert ist. 23.10.643987 19:25 |
Sprücheklopfer
Magaths Training ist wie ein Zahnarzttermin. Man fürchtet sich vorher, aber danach fühlt man sich besser.
Jan-Aage Fjörtoft