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59.000 Zuschauer im Stadion von Chiasso bekamen an diesem Champions-League-Abend das ganze Fußball-Menü serviert: frühe Nervosität, zwei Traumtore, ein wackelndes Defensivkonzept und am Ende einen Heiko Vogel, der sich mit einem schiefen Lächeln und hochrotem Kopf in die Kabine verabschiedete. Es war eines dieser Spiele, bei denen man sich fragt, ob die Trainer wirklich dieselben 90 Minuten gesehen haben. Der VfL Stuttgart kam furios aus den Startlöchern. Schon nach fünf Minuten zwang Maxim Tillman den Chiasso-Keeper Joseph Bridges mit einem satten Distanzschuss zu einer Glanztat. "Ich wollte nur schauen, ob der wach ist", grinste Tillman später. Bridges war es - noch. In der 19. Minute war er dann allerdings machtlos: Marcio Dominguez, der rechte Wirbelwind der Schwaben, zog nach Pass von Luis Contreras in den Strafraum und schlenzte den Ball sehenswert ins lange Eck. 0:1 - Stuttgart jubelte, Chiasso sah sich in alter Gewohnheit selbst ausgetrickst. Vogels Mannschaft hatte zwar mehr Ballbesitz (am Ende knapp 51 Prozent), doch Stuttgart spielte mit der klareren Linie. Bis zur Pause rettete der Pfosten und zweimal der aufmerksame MacDuff, der in der Innenverteidigung nicht nur Bälle, sondern auch Nerven blockte. "Wir standen da wie Touristen vor dem Schaufenster - hübsch anzusehen, aber ohne Zugriff", knurrte Vogel in der Halbzeit. Nach dem Wechsel schien es zunächst schlimmer zu werden. In der 56. Minute legte David Ronaldo - ja, tatsächlich so heißt er - nach. Nach feinem Zuspiel von Carles Herreros versenkte der linke Flügelstürmer den Ball trocken zum 0:2. Stuttgart war auf Viertelfinalkurs, Mislintat klatschte an der Seitenlinie jeden ab, der in seine Reichweite kam. Doch Chiasso hatte noch eine Rechnung offen - und offenbar auch Kaffee in der Kabine. Nur drei Minuten später zimmerte Kyriakos Galitsios nach Vorarbeit von Jack McLeod den Ball aus 20 Metern in den Winkel. 1:2, das Stadion bebte, Bridges rannte bis zur Mittellinie, um mitzufeiern. "Ich dachte, wenn ich schon so viele Bälle halte, kann ich auch mal beim Jubeln helfen", lachte der Torwart nachher. Plötzlich war Feuer drin. Die Heimelf presste, flügelte, kämpfte. Und tatsächlich: In der 67. Minute war es wieder McLeod, der mit einem butterweichen Pass Xabi Gallego in Szene setzte. Der linke Flügelspieler blieb cool und schob den Ball am herausstürzenden Oliveira vorbei - 2:2! Vogel warf die Arme in die Luft, als hätte er gerade den Champions-League-Pokal gewonnen. Mislintat dagegen starrte eine Weile auf seine Notizen, als stünde dort die Gebrauchsanweisung für ein kaputtes Bügeleisen. Danach wurde es hektisch. Stuttgart wechselte in der 73. Minute Dominguez aus, Noach Van Duzen kam - und brachte frischen Schwung, aber keine neuen Tore. Beide Teams feuerten weiter aus allen Lagen: 16 Torschüsse bei Chiasso, 13 bei Stuttgart. Die Statistik sprach von ausgeglichenem Ballbesitz, die Emotionen allerdings von einem offenen Schlagabtausch. In der Nachspielzeit hätte Gleb Schalimow fast das 3:2 für die Gäste erzielt, doch Bridges rettete erneut spektakulär. "Ich hab’s mit den Fingerspitzen gehabt - und dann nur gehofft, dass keiner nachsetzt", sagte der Keeper und grinste breit. Nach dem Schlusspfiff war die Stimmung zwiegespalten. Die einen feierten das Remis wie einen Sieg, die anderen haderten mit dem verpassten Weiterkommen. "Wir hatten’s in der Hand", meinte VfL-Coach Venni Mislintat. "Aber Chiasso hat uns den Ball dann einfach nicht mehr gegeben." Heiko Vogel konterte trocken: "Das ist Fußball. Manchmal hilft kein Laptop der Welt - nur Herz und ein bisschen Wahnsinn." Und Wahnsinn hatte dieses Spiel reichlich. Von der ersten Minute an bis zur letzten. Zwei Teams, die offensiv wollten, defensiv mussten und am Ende beide genau das bekamen, was sie verdienten: ein 2:2, das keiner so richtig einordnen konnte - außer vielleicht die 59.000 Zuschauer, die sich mit einem breiten Grinsen auf den Heimweg machten. Man könnte sagen: Chiasso hat Stuttgart aus der Champions League gekegelt, ohne das Spiel zu gewinnen. Oder wie es ein Fan beim Verlassen des Stadions formulierte: "Wenn das kein Happy End ist, dann wenigstens ein schöner Cliffhanger." 05.07.643993 16:10 |
Sprücheklopfer
Ich freue mich, meine ehemaligen Spieler später irgendwo auf der Welt wiederzutreffen. Oder in der Schweiz.
Köbi Kuhn, Nationaltrainer Schweiz