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Ein kalter Abend in Thun, Flutlicht, 32.000 Zuschauer, Bratwurstduft - und ein Spiel, das den Heimfans eher auf den Magen schlug als sie wärmte. Am fünften Spieltag der 1. Liga Schweiz gewann der FC Genf mit 3:1 bei Rot-Weiss Thun - und das völlig verdient, auch wenn das Ergebnis die Geschichte des Spiels nur zur Hälfte erzählt. Schon die Anfangsphase war ein kleiner Schock für die Gastgeber. In der achten Minute zirkelte der 36-jährige Spielmacher Humberto Lupus den Ball aus gut 20 Metern ins rechte Eck - ein Schuss, der so präzise war, dass Thuns Torwart Sascha Burger nur hinterherschauen konnte. "Ich hab gesehen, dass er Platz hat, und dann dachte ich: Na gut, lass ihn halt schießen", knurrte Abwehrchef Stephane Klein später selbstkritisch. "Dummerweise hat er das dann auch getan." Doch die Antwort kam prompt. Nur eine Minute später stürmte Rechtsverteidiger Ralf Otto nach vorne, bekam den Ball von Thierry Landry und drosch ihn unter die Latte - 1:1, das Stadion tobte. Trainer der Thuner (der sich an diesem Abend lieber nicht zitieren lassen wollte) riss die Arme hoch, als hätte er gerade die Meisterschaft gewonnen. Leider war’s das mit der Euphorie. In der 23. Minute schlug Genf wieder zu - diesmal durch James Wiltshire, den bulligen Mittelstürmer, der sich zwischen zwei Verteidigern hindurchwühlte und trocken abschloss. "Das war ein klassisches Wiltshire-Tor: nicht schön, aber effektiv", grinste Genfs Trainer Pascal Meyer anschließend. Seine Mannschaft blieb auch danach die aktivere. Mit 53,9 Prozent Ballbesitz und 12 Torschüssen hatten die Gäste das Spiel weitgehend im Griff. Thun kam zwar auf neun Abschlüsse, aber nur selten gefährlich. Im zweiten Durchgang versuchten die Thuner, das Ruder herumzureißen. Patrick Lamarliere und Tom Westphal wirbelten über die Flügel, Loïc Steibs rackerte sich in der Mitte ab - doch Genfs Defensive, angeführt vom souveränen Evan Shepherd, ließ kaum etwas zu. Als Wiltshire in der 73. Minute nach feiner Vorarbeit von Nuno Minguez zum 3:1 einschob, war die Sache entschieden. "Ich hab einfach gehofft, dass Nuno den Ball nicht verstolpert", witzelte der Doppeltorschütze hinterher. "Aber er hat ihn perfekt serviert - da musste ich ja nur noch einschieben." Thun kämpfte tapfer weiter, aber die Ordnung ging mehr und mehr verloren. In der 77. und 78. Minute gab’s dann noch zwei Gelbe Karten für die Heimelf - erst für den jungen Stephane Klein, der sich wohl zu sehr in die Zweikämpfe verbissen hatte, dann für Lamarliere, der nach einem harmlosen Rempler zu laut protestierte. Der Schiedsrichter zeigte sich wenig humorvoll und notierte fleißig. "Wir wollten offensiv spielen, das haben wir auch", sagte ein sichtlich angefressener Thuner Spieler nach Abpfiff. "Nur das mit den Toren hat nicht ganz geklappt." Tatsächlich blieb die offensive Ausrichtung der Gastgeber (offensive Taktik, balanced Angriff, sicherer Abschluss) eher theoretisch. Genf hingegen spielte mit klarem Plan: offensiv, über die Flügel, kurzpassorientiert - und mit eiskalter Konsequenz im Abschluss. Auch die Statistik sprach am Ende eine deutliche Sprache: 12:9 Torschüsse, leicht mehr Ballbesitz für Genf, bessere Zweikampfquote. Es war kein Spektakel, aber ein Lehrstück in Sachen Effektivität. Im Presseraum brachte Pascal Meyer das Ganze trocken auf den Punkt: "Wir haben das gemacht, was man auswärts machen muss - früh treffen, ruhig bleiben und den Gegner laufen lassen." Dann grinste er: "Und wenn’s am Ende 3:1 steht, kann man sich auch mal ein Fondue gönnen." Für Rot-Weiss Thun bleibt die Erkenntnis: Wer nach einem frühen Gegentor so offen agiert, riskiert, ausgekontert zu werden. Und wer James Wiltshire zweimal aus den Augen verliert, hat ein Problem. "Das war Lehrgeld", meinte Thuns Kapitän Landry, "aber wenigstens wissen wir jetzt, dass wir’s besser können - theoretisch." So endete ein Abend, der mit Hoffnung begann und mit Ernüchterung endete. Die Genfer reisen mit drei Punkten im Gepäck zurück an den See, während in Thun die Flutlichtmasten einsam in den Nachthimmel leuchten. Und irgendwo, zwischen Stadionwurst und kaltem Wind, murmelte ein Fan: "Nächste Woche wird’s besser." Vielleicht - aber bitte ohne Humberto Lupus in der Nähe. 16.03.643987 10:50 |
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Ich sehe Licht am Himmel.
Friedel Rausch