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Es war einer dieser Abende an der Anfield Road, an denen man sich fragt, ob man Zeuge eines Fußballspiels oder einer Lehrstunde in Demütigung geworden ist. 44.755 Zuschauer sahen, wie die Liverpool Reds die Sunderland Cats mit einem 8:0 vom Platz fegten - und das, obwohl die Gastgeber nach 45 Minuten bereits mit 7:0 führten. Trainer Heiner Schneider grinste nach dem Schlusspfiff: "Ich hab in der Pause gesagt: Jungs, lasst bitte noch was für nächste Woche übrig." Seine Spieler nahmen das offenbar wörtlich. Schon nach sechs Minuten war klar, dass Sunderland an diesem Abend in der Katastrophenklasse eingeschrieben war. Lewis Valentine, der linke Wirbelwind, schlenzte den Ball aus 18 Metern ins Netz - 1:0. Zwei Minuten später legte Josef Lundqvist nach, nachdem Cesar Botin ihn mit einem Pass bedient hatte, der so präzise war, dass man ihn rahmen könnte. "Ich dachte, das ist Abseits", meinte Lundqvist lachend. "Aber der Schiri hat’s besser gesehen - also hab ich ihn einfach reingeschoben." Was dann folgte, war ein rotgewandeter Orkan. Innenverteidiger Joseph Allington, offenbar von der Muse des Torhungers geküsst, schnürte ein Doppelpack (10., 20.). Der Mann, der sonst hinten Beton anrührt, fand plötzlich Gefallen am Toreschießen. "Ich wollte nur sehen, wie’s da vorne aussieht", grinste er nach dem Spiel. Nach seinem zweiten Treffer suchte man die Sunderland-Abwehr vergeblich - wahrscheinlich irgendwo zwischen Verzweiflung und Orientierungslosigkeit. Zur dritten Viertelstunde hin wurde es fast grotesk. Lewis Valentine traf erneut (33.), diesmal nach Vorlage von Leif Bloch, der kurz zuvor Gelb gesehen hatte - vermutlich aus Langeweile, weil sonst niemand in seiner Nähe war. Eine Minute später durfte James Badham ran, flankiert von Sergio Arrondo, und machte das 6:0. Und weil’s so schön war, legte Badham nur eine Minute später gleich noch eins drauf - 7:0 nach 35 Minuten. In der 37. Minute bekam Sunderlands Jake Lorring Gelb, was immerhin den Beweis erbrachte, dass die Cats noch existierten. Ansonsten: kein einziger Torschuss. Null. Nada. Der offizielle Statistikbogen bestätigte das später - 22 Schüsse auf das Gästetor, keiner auf das der Reds. Torwart Reece Kendall wurde nur durch den Regen nass, nicht durch Arbeit. "Wir wollten offensiv spielen", murmelte ein niedergeschlagener Sunderland-Spieler nach der Partie. Offensiv? Vielleicht im theoretischen Sinne. Ihre "offensive Ausrichtung" sah auf dem Papier gut aus, auf dem Rasen aber eher nach kollektiver Selbstaufgabe. Nach dem Pausentee - man stelle sich vor, wie Trainer Schneider wahrscheinlich gesagt haben muss: "Spielt’s bitte nicht zu wild!" - wechselte Liverpool dreimal. Junge Talente wie der 17-jährige Samuel Corey, der 19-jährige Oliver Watkins und der 20-jährige Arnaud De Vooght durften ran. Die zweite Halbzeit wurde zur Schaulaufbahn für die Zukunft. Die Reds schalteten spürbar einen Gang zurück, der Ballbesitz blieb mit 51,8 Prozent knapp ausgeglichen, aber das Spielgeschehen blieb einseitig. Sunderland kassierte noch zwei weitere Gelbe (Callahan 74., Capucho 89.), was allerdings die einzige Form von Gegenwehr blieb. Erst in der Nachspielzeit - als die Cats vermutlich schon ins Teamhotel schlichen - erzielte James Badham mit seinem dritten Treffer (91.) den 8:0-Endstand. "Ich dachte nicht, dass’s so deutlich wird", gab Badham zu. "Aber wenn du einmal in den Flow kommst, willst du einfach weitermachen." Trainer Schneider hob die Hände: "Das war heute fast zu perfekt. Die Jungs haben gespielt, als hätten sie einen Termin mit der Vereinsgeschichte." Und die Cats? Ihr Coach - man hätte Mitleid, wüsste man seinen Namen - soll in der Kabine nur gesagt haben: "Das war kein Spiel, das war eine öffentliche Prüfung." Die Fans verabschiedeten ihr Team mit stehenden Ovationen. Einige sangen, andere lachten ungläubig. Es war ein Abend, der in Liverpooler Pubs noch lange nachhallen dürfte - nicht wegen der Spannung, sondern wegen der puren Wucht. Am Ende bleibt ein Ergebnis, das eher an ein Tennismatch erinnert als an Premier-League-Fußball: 8:0. Man könnte es ein Massaker nennen, doch das würde den ästhetischen Wert dieser Darbietung schmälern. Vielleicht trifft es "Symphonie in Rot" besser. Oder, wie es ein Zuschauer beim Rausgehen formulierte: "Wenn das so weitergeht, brauchen die bald eine eigene Liga." Und wer weiß - vielleicht war das gar nicht überheblich gemeint. 28.01.643991 00:35 |
Sprücheklopfer
Kopfball war für mich immer so etwas ähnliches wie Handspiel.
Günter Netzer