// Startseite
| Tuttosport |
| +++ Sportzeitung für Italien +++ |
|
|
|
Ein grauer Januarabend, ein prall gefülltes Stadio Garibaldi-Romeo Anconetani, 25.732 Zuschauer - und ein Spiel, das roch nach italienischem Fußball alter Schule: Leidenschaft, Taktik, ein bisschen Theatralik und ein einziger Moment des Genies. Am Ende jubelte AS Pisa über ein 1:0 gegen den AC Parma. Früh getroffen, dann gezittert, geschwitzt, gehalten. Schon die ersten Minuten machten klar, wohin die Reise gehen würde: Pisa wollte, Parma musste sich wundern. Fünf Minuten gespielt, da zog Rechtsverteidiger Nevio Xavier zum ersten Mal ab - kein Tor, aber ein deutliches Zeichen. "Ich dachte, warum nicht? Der Ball war rund und das Tor stand da", grinste Xavier später in der Mixed Zone. Elf Minuten danach wurde es ernst: In der 16. Minute übernahm der 27-jährige Bernardo Ortiz die Hauptrolle des Abends. Nach feinem Zuspiel eben jenes Xaviers nahm Ortiz den Ball rechts im Strafraum an, drehte sich um den verdutzten Innenverteidiger wie ein Tänzer auf Espresso und schob flach ins lange Eck. 1:0 für Pisa. Der Rest war Freude, zumindest für die nächsten paar Stunden. Trainer Bembel Macher - der Name ist Programm - rannte nach dem Treffer die Seitenlinie entlang, als wolle er selbst noch einwechseln. "Wir haben trainiert, dass Bernardo in diesen Lauf geht. Das war kein Zufall", erklärte er später mit einem Lächeln, das nicht ganz verriet, ob er’s selbst glaubte. Parma versuchte, das Spiel zu beruhigen, aber Pisa war in dieser Phase schlicht giftiger. Bis zur Pause schossen die Gastgeber 11-mal aufs Tor, Parma gerade zweimal. Die Ballbesitzwerte - 50,8 zu 49,2 Prozent - täuschen: Pisa hatte das Spiel im Griff, Parma den Ball, wenn Pisa gerade Luft holte. Kurz vor der Halbzeit zeigte Jacques Gaudin, dass Leidenschaft auch ihre Grenzen hat: Gelb in der 40. Minute nach einem rustikalen Einsteigen gegen Xabier Coluna. "Ich wollte nur zeigen, dass wir da sind", sagte Gaudin später und zuckte mit den Schultern - so, wie man das eben tut, wenn man weiß, dass man gemeint ist. Nach dem Seitenwechsel versuchte Parma, Druck aufzubauen, aber Pisa lauerte klug. In der 51. Minute sah Coluna Gelb, wenig später geriet der Abend endgültig zu einem Abnutzungskampf. Pisa verteidigte mit viel Einsatz, Parma suchte verzweifelt nach einer Idee. Trainer Hip Hop - ja, der Mann heißt wirklich so - gestikulierte wild an der Seitenlinie und brüllte: "Mehr Mut, ragazzi!" Doch seine Spieler antworteten mit vier harmlosen Schüssen in 90 Minuten. In der 65. Minute hielt das Stadion kurz den Atem an: Torschütze Ortiz ging nach einem Zweikampf mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden. Diagnose: Muskelzerrung. Für ihn kam Lionel Pauleta, der prompt zweimal gefährlich abschloss (65. und 74. Minute), aber das 2:0 verpasste. "Ich wollte Bernardo eh ein bisschen schonen", sagte Trainer Macher hinterher und fügte augenzwinkernd hinzu: "Nur hat er sich selbst zu früh gemeldet." Die letzte Viertelstunde war dann purer Nervenkitzel. Pisa presste plötzlich wieder - laut Statistik erst ab der 90. Minute, aber gefühlt schon vorher - und kämpfte mit vollem Einsatz. Parma kam kaum noch über die Mittellinie. Der junge Marcello Bruno, gerade einmal 19, feierte sein Debüt und hatte in der 80. und 81. Minute gleich zwei Abschlüsse. "Ich hab den Ball gesehen und dachte, das ist mein Moment", sagte er mit leuchtenden Augen. "Leider dachte der Torwart dasselbe." Nach 91 Minuten war Schluss, und die Tifosi tobten. Pisa hatte mit 23:4 Torschüssen und 57,5 Prozent gewonnener Zweikämpfe das Spiel dominiert - und doch war es ein klassisches 1:0, das man in Italien wohl als "vittoria di sofferenza" bezeichnet: ein Sieg des Leidens. Trainer Bembel Macher schüttelte nach dem Abpfiff jedem seiner Spieler die Hand, als hätte er gerade eine kleine Revolution angezettelt. "Wir haben wieder gezeigt, dass man auch mit einem Tor drei Punkte holen kann", sagte er trocken. Parma-Coach Hip Hop hingegen murmelte in den Katakomben nur: "Wenn man viermal aufs Tor schießt, darf man sich über null Tore nicht wundern." So endete ein Abend, der mehr nach Arbeit als nach Glanz schmeckte. Pisa bleibt damit weiter im Mittelfeld der 1. Liga Italien, aber mit einem Gefühl, das man dort lange nicht mehr kannte: Stolz. Und irgendwo in der Umkleide soll Bernardo Ortiz leise gesungen haben - nicht vor Freude, sondern vor Erleichterung. Schließlich war sein Treffer der Unterschied zwischen einem guten und einem großartigen Abend in der Toskana. 07.09.643987 14:39 |
Sprücheklopfer
Ich, was meine Person betrifft, entscheide für mich alleine.
Lothar Matthäus