// Startseite
| Sport-Blick |
| +++ Sportzeitung für Schweiz +++ |
|
|
|
Ein Freitagabend unter Flutlicht im Brügglifeld, 50.592 Zuschauer, ein prall gefülltes Stadion und Temperaturen, bei denen man den Glühwein nicht nur aus Tradition, sondern aus Überlebensinstinkt trinkt - beste Zutaten für das, was sich am 9. Spieltag der 1. Liga Schweiz zwischen dem SC Aarau und dem SC Solothurn abspielte. Am Ende stand ein 1:1, das sich für die Gäste wie ein Sieg und für die Aargauer wie ein halber Weltuntergang anfühlte - oder, wie Trainer Hans Meyer später schmunzelnd sagte: "Wir haben heute einen Punkt gewonnen, aber ungefähr zehn Jahre Lebenszeit verloren." Schon in den ersten Minuten machte Aarau deutlich, dass man den Begriff "offensiv" im Taktikzettel wörtlich verstanden hatte. Andreas Pfeiffer prüfte Solothurns jungen Torwart Martin Hübner bereits in der 3. Minute, Patrik Ullrich legte zwei Minuten später nach. Der Ballbesitz war mit 48 Prozent leicht zugunsten der Gäste verteilt, doch die Aargauer schossen doppelt so oft aufs Tor - zwölf Mal insgesamt. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur schön spielen, sondern auch mal treffen können", so Pfeiffer - zu diesem Zeitpunkt allerdings noch ohne Erfolg. Solothurn hingegen spielte das, was man freundlich als "kontrollierte Coolness" bezeichnen könnte. Man ließ Aarau rennen, passte geduldig, und als die Hausherren gerade dachten, sie hätten alles im Griff, kam die 34. Minute. Javier Pelegrin setzte sich auf links durch, legte quer auf Sergio Ferreira, der mit der Präzision eines Uhrmachers flach ins rechte Eck verwandelte - 0:1. Ferreira, 34 Jahre alt und mit der Ruhe eines Mannes, der schon alles gesehen hat, grinste danach in Richtung der Bank: "Ich hab gesagt, Jungs, irgendwann fällt er. Und siehe da: irgendwann war jetzt." Das Tor traf Aarau sichtbar. Zwar ackerte Henri Brand auf der linken Seite unermüdlich, doch kurz vor der Pause musste er verletzt raus - eine Muskelzerrung, wie sich später herausstellte. "Ich hab’s gleich gespürt, da hat’s gezwickt wie die Steuerrechnung im Januar", meinte Brand trocken. Trainer Meyer reagierte in der Halbzeit gleich dreifach: Scholz raus, Ullrich wieder rein, Franz ersetzte Krieger, und im Tor kam der 20-jährige Marco Breze zu seinem Debüt. Der junge Keeper später: "Ich hatte kaum Zeit zum Nachdenken - wahrscheinlich mein Glück." Die zweite Hälfte begann, wie die erste aufgehört hatte: Aarau rannte an, Solothurn stand kompakt. Johann Jaeger scheiterte in der 48. Minute, Justin Desjardins wurde für seine rustikale Grätsche in Minute 67 mit Gelb bestraft ("Ich hab den Ball getroffen, aber der Ball war halt gerade hinter dem Gegner", verteidigte er sich). Die Zeit lief, die Zuschauer wurden unruhig, und irgendwo in der 83. Minute hörte man einen älteren Herrn auf der Haupttribüne murmeln: "Wenn sie’s jetzt noch drehen, geb ich eine Runde Bier aus." Der Mann kann sich warm anziehen, denn in der 90. Minute passierte das, was man in Aarau künftig wohl nur noch "den Pfeiffer-Moment" nennen wird. Ronald Sturm, gerade mal 19 Jahre jung, nahm sich im Mittelfeld ein Herz, spielte einen mutigen Pass in die Tiefe, und Andreas Pfeiffer, der in diesem Spiel schon alles probiert hatte - außer treffen -, zog ab. Der Ball rauschte unhaltbar ins Netz. 1:1. Das Brügglifeld explodierte. "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn du’s 89 Minuten versuchst, darfst du in der 90. auch mal Glück haben", grinste Pfeiffer später. Solothurns Trainer schüttelte an der Seitenlinie nur den Kopf, während seine Spieler sich gegenseitig auf die Schultern klopften. "Wir haben viel richtig gemacht, aber Fußball ist manchmal ungerecht - diesmal halt gegen uns", meinte Torschütze Ferreira und nahm’s sportlich. Statistisch blieb alles eng: 51 Prozent Ballbesitz für die Gäste, 52 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Aarau. Die einen mit Kontrolle, die anderen mit Kampf - und am Ende mit einem Ergebnis, das niemandem so richtig schmeckte, aber jedem das Gefühl gab, etwas erlebt zu haben. Trainer Meyer fasste den Abend lakonisch zusammen: "Wenn man in der 90. Minute trifft, ist das kein Glück, sondern späte Gerechtigkeit." Und während die Fans noch sangen, dass man in Aarau niemals aufgibt, zwinkerte Pfeiffer in die Kameras: "Ich wusste, irgendwann geht er rein. Ich hätte nur nicht gedacht, dass ich dafür fast Nachspielzeit brauche." Ein Punkt, ein bisschen Dramatik, und ein Stadion, das noch lange nach Abpfiff summte. Fußballromantik in Reinform - mit einem Schuss Nervenkitzel und einer Prise Ironie. 21.04.643987 17:50 |
Sprücheklopfer
Die Flanken von außen sind auch Roberto Carlos und Cafu denen ihre Spezialität.
Andreas Brehme