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An einem lauen Februarabend in Piräus verwandelte sich das Stadion von Olympiokos in einen Hexenkessel der Geduld, der Spannung und - wie Trainer Dirk Reichmann später schmunzelnd meinte - "auch ein bisschen des Wahnsinns". Die 43.500 Zuschauer sahen beim zweiten Gruppenspieltag der Europaliga ein 2:1 (1:0) gegen Midlands Villa, das weniger ein Fußballspiel als ein emotionaler Pendelverkehr war: mal elegant, mal chaotisch, aber von der ersten Minute an elektrisierend. Olympiokos begann, als wolle man die Gäste aus England gleich in die Ägäis zurückschicken. Die Griechen pressten aggressiv, verzeichneten früh mehrere Abschlüsse - Karagounis, Papaioannou und Kampantais prüften Keeper Lasse Bartsch im Fünf-Minuten-Takt. Doch es brauchte einen alten Strategen aus dem Mittelfeld, um den Bann zu brechen: In der 32. Minute zog Emmanouil Vassiliadis, 33 Jahre jung und mit der Ruhe eines Mannes, der schon alles gesehen hat, aus 20 Metern ab - ein Strahl ins rechte Eck, 1:0. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Vassiliadis später. "Wenn man so alt ist wie ich, darf man das." Midlands Villa, das unter Trainer Markus Posarnig taktisch erstaunlich diszipliniert auftrat, schüttelte sich nur kurz. Schon zu Beginn hatten sie über den jungen Pierre Nelis zwei gefährliche Nadelstiche gesetzt, doch Torwart Omiros Nafpliotis war auf dem Posten. Nach der Pause kam dann der Moment des 21-jährigen Belgiers: In der 48. Minute setzte er sich nach einem schnellen Doppelpass mit Diego Frechaut auf links durch und tunnelte den Keeper eiskalt - 1:1. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", fluchte Olympiokos-Verteidiger Kirastas später - derselbe Mann, der kurz vor der Pause Gelb gesehen hatte. "Aber Nelis hat Beine wie ein Gepard, das war kaum zu verteidigen." In dieser Phase wankte Olympiokos, aber fiel nicht. Die Torschussstatistik (16:12) und der fast ausgeglichene Ballbesitz (51 % zu 49 %) spiegelten das wider: zwei Teams auf Augenhöhe, nur getrennt durch Nuancen - und vielleicht durch die griechische Leidenschaft im letzten Drittel. Ab der 73. Minute kippte das Spiel endgültig, als Villas Innenverteidiger Alexander Lockhart nach wiederholtem Foulspiel Gelb-Rot sah. "Das war kein Foul, das war Kunst am Ball!", rief er beim Abgang, während Posarnig am Spielfeldrand die Hände vors Gesicht schlug. "Wenn das Kunst war, dann war’s expressionistisch", murmelte ein Kollege auf der Pressetribüne. Mit einem Mann mehr war Olympiokos wie entfesselt. Venizelos scheiterte zweimal knapp, Vassiliadis zirkelte einen Freistoß an den Außenpfosten. Und dann, in der 89. Minute, brach das Stadion endgültig aus: Der flinke Kampantais flankte von links butterweich in den Strafraum, wo Asimakis Nafpliotis den Ball mit der Brust annahm und volley ins Netz drosch - 2:1! Der Jubel war so laut, dass selbst der Hafen von Piräus kurz innehielt. "Ich hab gar nichts mehr gehört, nur noch das Meer rauschen", sagte Nafpliotis danach mit glasigen Augen. Trainer Reichmann fiel ihm um den Hals und rief: "Das ist Olympiokos! Immer Drama, nie Routine!" Midlands Villa versuchte in der Nachspielzeit noch einmal alles, doch Paul La Barre vergab die letzte Chance in der 92. Minute. Danach pfiff der Schiedsrichter ab - und Posarnig stapfte mit verschränkten Armen vom Feld. "Wir hatten sie fast", sagte er später. "Aber fast ist in der Europaliga ein gefährliches Wort." Die Zahlen erzählen eine Geschichte von Balance: 51 Prozent Ballbesitz für Olympiokos, 16 Torschüsse gegenüber 12 der Engländer, Zweikampfquote 51 zu 49 Prozent. Doch die Emotionen erzählten eine andere - eine Geschichte von Geduld, Trotz und einem Publikum, das seine Mannschaft in der Schlussphase förmlich ins Ziel brüllte. Reichmann zog zum Schluss ein ironisches Fazit: "Ich hatte eigentlich gehofft, es würde ein ruhiger Abend. Aber bei uns ist sogar das Flutlicht nervös." Und so ging dieser Abend zu Ende, wie er begonnen hatte - laut, leidenschaftlich und mit dem Gefühl, dass Fußball zwar kein Geduldsspiel ist, aber manchmal doch genau das verlangt. Olympiokos bleibt ungeschlagen in der Gruppe, Midlands Villa reist mit erhobenem Kopf ab. Und irgendwo in den Katakomben des Stadions summte jemand leise: "Immer Drama, nie Routine." Vielleicht das inoffizielle Vereinsmotto - und an diesem Abend so treffend wie selten. 30.08.643990 19:11 |
Sprücheklopfer
Was der Rudi Bommer heute mit seinen 800 Jahren geleistet hat, war schon phänomenal.
Dragoslav Stepanovic