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Wenn im Oberwallis ein Fußballspiel stattfindet, dann riecht es nach Raclette, kalter Bergluft und - an diesem Abend - nach Toren. Acht Stück insgesamt, davon fünf für den FC Oberwallis, der nach einer verschlafenen ersten Halbzeit den SV Yverdon in Halbzeit zwei regelrecht überrollte. 27.000 Zuschauer erlebten am 13. Spieltag der 1. Liga Schweiz ein Spiel, das man getrost als "alpines Spektakel mit dramatischem Hang" bezeichnen darf. Dabei hatte alles denkbar schlecht für die Gastgeber begonnen. Schon in der 19. Minute traf Claude Aimee für Yverdon, nachdem Alain Noack ihn mit einem butterweichen Pass bediente. "Ich habe nur den Fuß hingehalten", grinste Aimee später - was die Verteidiger des FCO vermutlich ähnlich sehen dürften. Zwar glich Michael Winston vier Minuten später nach Vorlage von Günter Weller aus, doch der schnelle Xavi de Galvez brachte die Gäste in der 29. Minute erneut in Führung. 1:2 zur Pause - und Trainer Snore Laken sah aus, als würde er lieber in die Skihütte flüchten. Doch was auch immer Laken in der Kabine sagte, es muss gewirkt haben - oder seine Spieler hatten einfach genug von der Yverdon’schen Selbstzufriedenheit. "Er hat nur gebrüllt: Jetzt spielt endlich Fußball!", verriet später Abwehrmann Kamil Wojciechowski. Zwei Minuten nach Wiederanpfiff erhöhte Lubomir Krejci für Yverdon zunächst noch auf 1:3. Das schien der endgültige Genickschlag zu sein - doch die Oberwalliser waren wohl erst jetzt wach. Nur zwei Minuten später, in der 49. Minute, netzte Daniel Etxebarria nach Vorlage von Marcio Pacos zum 2:3 ein. Und dann ging’s Schlag auf Schlag. 51. Minute: Isaac Dennehy trifft mit Wucht nach Zuspiel von Weller. 55. Minute: Wojciechowski höchstpersönlich vollendet eine feine Kombination über die linke Seite zum 4:3. "Ich bin Linksverteidiger, ich darf das eigentlich gar nicht", lachte der Torschütze - und er hatte recht. Aber wer will bei so einem Spiel schon über Positionstreue reden? Spätestens in der 62. Minute bebte das Stadion, als Dennehy mit seinem zweiten Treffer den Deckel draufmachte. 5:3, und das war kein Zufall, sondern pure Energie. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur kicken, sondern auch kämpfen können", sagte Dennehy, noch mit Grasflecken auf dem Trikot. Yverdon dagegen verlor völlig den Faden - und später auch die Nerven. Stürmer Tomasz Hausmann sah in der 86. Minute glatt Rot, nachdem er in bester Rugby-Manier in Miguel Sa Pint hineingerutscht war. Trainer Laken kommentierte trocken: "Ich habe kurz überlegt, ob ich ihm ein Skiticket schenke - dann kann er wenigstens woanders rutschen." Statistisch war das Spiel enger, als es das Ergebnis vermuten lässt. 13 Torschüsse auf Seiten Oberwallis, 11 bei Yverdon, der Ballbesitz fast ausgeglichen - 50,02 zu 49,97 Prozent. Doch die Effizienz machte den Unterschied: Während Oberwallis seine Chancen gnadenlos nutzte, scheiterte Yverdon immer wieder am glänzend aufgelegten Keeper Janek Pasieka. "Der hat heute Hände wie Magneten gehabt", meinte Yverdons Flügelmann Jacques Kroll anerkennend. Auch der Schiedsrichter durfte sich nicht über Arbeitsmangel beklagen: Drei Gelbe Karten, eine Rote - und reichlich Diskussionen. Besonders hitzig wurde es in der Nachspielzeit, als Claude Aimee noch Gelb sah und sich dabei lautstark beschwerte: "Ich wollte nur den Ball streicheln!" - der Unparteiische verstand offenbar keinen Humor. Am Ende stand ein 5:3, das sich liest wie ein Torfestival und sich anfühlte wie eine Achterbahnfahrt. Während die Fans des FC Oberwallis ihre Spieler feierten, schlich Yverdon vom Platz - mit gesenktem Kopf, aber immerhin mit dem Bewusstsein, Teil eines Spiels gewesen zu sein, das man so schnell nicht vergisst. Trainer Laken fasste es nach Abpfiff treffend zusammen: "Erste Halbzeit Katastrophe, zweite Halbzeit Karamell. Wir haben’s süß gemacht." Und wer ihn kennt, weiß: Mehr Lob gibt’s von ihm selten. Ein Abend, der zeigt, dass selbst in der 1. Liga Schweiz manchmal Fußballpoesie geschrieben wird - mit Schweiß, Chaos und fünf Toren aus dem Nichts. Oder, wie ein Fan auf der Tribüne rief: "Das war keine Taktik, das war ein Sturm aus den Bergen!" Und irgendwie hatte er recht. 07.06.643987 01:04 |
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