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34312 Zuschauer im Stade de la Tuilière hatten sich am Samstagabend warm eingepackt - die Winterkälte war allerdings das geringste Problem für Lausanne-Sport. Das große Zittern kam von einem Gegner, der in Spielfreude glühte: Der FC Nyon fegte die Hausherren mit 4:0 (3:0) vom Platz und hinterließ ein Publikum zwischen ungläubigem Staunen und höflichem Applaus für die Gäste. Was Lausanne in den ersten 30 Minuten noch als "kontrolliertes Abwarten" bezeichnete, entpuppte sich schnell als Einladung zum Gegentor-Buffet. Nyon spielte mit traumwandlerischer Leichtigkeit, als hätten sie auf dem Trainingsplatz vergessen, dass es hier um Punkte ging. In der 31. Minute eröffnete der 19-jährige Louis Herzog das Schützenfest - nach feinem Zuspiel von Jerome Tremblay drosch er den Ball humorlos ins linke Eck. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Herzog hinterher, "aber wenn’s passt, dann passt’s." Nur drei Minuten später war Tremblay selbst dran. Nach einer Ecke, die eher nach Verlegenheit aussah, landete der Ball über Umwege bei ihm - 0:2. Erik Maxime, der Innenverteidiger mit dem Spielaufbau eines Regisseurs, hatte ihm den Ball serviert. Lausanne-Coach Ronny Schmidt stand reglos in seiner Coachingzone. "Ich dachte, wir spielen zuhause", murmelte er in Richtung seines Assistenten, der nur stumm nickte. Und als Lausanne noch die Köpfe schüttelte, schlug Herzog wieder zu. In der 35. Minute legte Maurice Fortin klug quer, und der Teenager schob lässig ein - 0:3. Ein Doppelschlag in Lehrbuchmanier. "Da war der Stecker draußen", gab Schmidt später ehrlich zu. "Wir hätten auch mit zwei Bällen spielen können, Nyon hätte sie beide behalten." Die Statistik untermauerte das Unheil: 18 Torschüsse für Nyon, ganze drei kümmerliche Versuche für Lausanne. Ballbesitz? Mit 45 Prozent nicht desaströs, aber was nützt das, wenn der Ball nur in der eigenen Hälfte kreist? Nach dem Seitenwechsel versuchte Lausanne, wenigstens den Ehrentreffer zu erzwingen. Michel Morin und Michel Seymour - die beiden Michels - wollten das Offensivspiel ankurbeln, doch Nyon blieb cool und spielte weiter ihr kontrolliertes, fast spöttisches Kurzpassspiel. Die Gäste wirkten, als hätten sie den Ball magnetisch programmiert. In der 79. Minute setzte Tremblay mit seinem zweiten Treffer den Schlusspunkt. Sergi Silva hatte ihn mit einem Steilpass in Szene gesetzt, und Tremblay bedankte sich mit einem trockenen Abschluss aus 14 Metern. "Ich hatte noch Saft im Tank", lachte der Doppeltorschütze. "Louis meinte, ich soll noch einen machen, sonst zieht er mich beim nächsten Training auf." Lausanne-Keeper Dylan Monroe, der trotz der vier Gegentore bester Mann seines Teams war, seufzte nach Abpfiff: "Ich hab mehr Flugbälle gehabt als der Flughafen Genf. Irgendwann gehen sie halt rein." Trainer Manni Burgsmüller von Nyon hingegen blieb sachlich, fast nüchtern: "Wir haben heute unser Konzept umgesetzt. Balance, Ruhe, Effizienz. Und ein bisschen Spielfreude darf man ja auch haben." Ein bisschen Spielfreude? Das war Understatement deluxe. Nyon war in jeder Hinsicht überlegen - selbst in der Zweikampfquote (58 zu 42 Prozent) wirkten sie entschlossener. Selbst die beiden Gelben Karten - eine für den übermotivierten Herzog (71.) und eine für Linksverteidiger Fabian Schaller (90.) - konnte man ihnen kaum übelnehmen. Wer so dominant spielt, darf sich auch mal eine Verwarnung abholen. Lausanne-Sport hingegen bleibt ein Rätsel. Offensiv wollten sie, taktisch blieben sie offen wie ein Scheunentor. Die Mannschaft spielte laut Taktiktafel "offensiv", aber Pressing war Fehlanzeige. Vielleicht hatte man den Begriff mit "hoffnungsvoll" verwechselt. Als die Zuschauer kurz vor Abpfiff begannen, ironisch "Olé"-Rufe bei gegnerischen Pässen anzustimmen, blieb selbst Ronny Schmidt nichts als Galgenhumor. "Immerhin haben wir das Publikum unterhalten", sagte er mit einem schiefen Lächeln. Nyon nimmt nach diesem Abend nicht nur drei Punkte, sondern auch gehörig Selbstvertrauen mit. Zwei Doppeltorschützen, 18 Abschlüsse, Spielfreude pur - das war fast schon Champions-League-Niveau im Schweizer Alltag. Lausanne dagegen muss sich fragen, ob "offensiv" vielleicht doch nicht die richtige Übersetzung für "ohne Verteidigung" ist. Ein Reporter-Kollege brachte es beim Verlassen des Stadions auf den Punkt: "Lausanne spielte wie ein WLAN-Signal - zu Beginn stark, dann plötzlich weg." Und Nyon? Die funken weiter auf höchster Frequenz. 16.11.643987 00:30 |
Sprücheklopfer
Magaths Training ist wie ein Zahnarzttermin. Man fürchtet sich vorher, aber danach fühlt man sich besser.
Jan-Aage Fjörtoft