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Es war ein kalter Januarabend im Stadion Gurzelen, aber die 32.000 Zuschauer dürften die Hände ohnehin meist vor das Gesicht geschlagen haben - aus Entsetzen oder Begeisterung, je nachdem, wessen Farben sie trugen. Der FC Nyon hat den SC Biel-Bienne am 4. Spieltag der 1. Liga Schweiz mit 4:0 (2:0) regelrecht filetiert. Das Ergebnis liest sich klar, aber die Art und Weise war fast grausam. Dabei fing alles harmlos an: Biel-Bienne hatte sogar mehr Ballbesitz (52 Prozent) und wirkte in den ersten Minuten bemüht, Ordnung ins eigene Spiel zu bringen. Trainer des Heimteams - namentlich ungenannt, aber vermutlich ein Mann mit viel Geduld - hatte seine Elf ausgeglichen eingestellt, vielleicht zu ausgeglichen. Denn während Biel sich um Balance mühte, tanzte Nyon vorne im Dreivierteltakt. Schon in der 27. Minute klingelte es das erste Mal. Der junge Louis Herzog, gerade mal 19 Jahre alt und offenbar mit einem Kompass für die linke Strafraumkante geboren, verwertete eine Vorlage von Edward Bernheim eiskalt. "Ich hab einfach draufgehalten - und gehofft, dass keiner pfeift", grinste Herzog später in die Mikrofone. Niemand pfiff. 0:1. Nur 13 Minuten später folgte der nächste Stich. Diesmal war es Jerome Tremblay, der nach einem präzisen Pass von Alexandre Greaves das 0:2 markierte. Biel-Keeper Amaury Viqueira streckte sich vergeblich, und man hatte den Eindruck, er streckte sich dabei gleich nach einer Decke. "Wir waren einfach zu brav", knurrte Biel-Verteidiger Marco Forque in der Pause. Recht hatte er. Zur zweiten Halbzeit schien Biel immerhin den Ball beruhigen zu wollen - und tat es auch. Nur: Der Ballbesitz wirkte wie ein Trostpflaster auf einer offenen Wunde. Nyon lauerte, lachte und lief. 24 Torschüsse feuerten die Gäste insgesamt ab, während Biel magere sechs zustande brachte. Und als Louis Herzog in der 58. Minute erneut traf, diesmal nach einem flinken Vorstoß über Rechtsverteidiger Pim Westerveldt, war die Messe gelesen. "Ich dachte kurz, ich hätte schon den Hattrick", sagte Herzog lachend. "Dann fiel mir ein, dass das erst Nummer zwei war. Na ja, ich hab ja noch Zeit." Spätestens da hatte Nyon alles im Griff - und das, obwohl Trainer Manni Burgsmüller nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Erik Maxime (17. Minute) kurzzeitig sein Notizbuch zerknüllte. "Ich hab’s dann wieder geglättet, als Louis traf", erzählte Burgsmüller später mit einem verschmitzten Grinsen. Biel versuchte es mit Härte: Drei Gelbe Karten (Schüler, Forque, Grenier) zeugten davon, dass man wenigstens körperlich anwesend war. Doch auch das half nicht. In der Nachspielzeit, als der Stadionsprecher schon den Abpfiff vorbereitete, marschierte Nyons linker Verteidiger Jonatan Taube nach vorn - offenbar aus Langeweile - und drosch den Ball nach Zuspiel von Innenverteidiger José Segura humorlos unter die Latte. 0:4. "Ich bin eigentlich nicht fürs Toreschießen da", sagte Taube. "Aber manchmal muss man den Jungs vorne zeigen, wie’s geht." Biel-Coach wirkte nach dem Abpfiff wie ein Mann, der überlegt, ob er noch Busfahrkarten für die Rückfahrt braucht. "Wir hatten Kontrolle, aber keine Ideen", murmelte er. Ein Reporter fragte: "Wie geht’s jetzt weiter?" - "Nach Hause", antwortete er trocken. Nyon hingegen feierte ausgelassen. Burgsmüller, bekannt für seine kernigen Sprüche, hatte auch diesmal einen parat: "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn ihr schon offensiv spielt, dann richtig. Und sie haben’s wörtlich genommen." Seine Taktik? Von Anfang bis Ende offensiv - laut Statistik zu Recht. Am Ende blieb Biel nur der Trost, dass Ballbesitz nicht gleich Erfolg bedeutet. Die Zuschauer verabschiedeten ihre Mannschaft höflich, aber mit der Art Applaus, die klingt wie ein höfliches "Danke, das reicht jetzt". Vielleicht, so munkelte man auf der Pressetribüne, hätte Biel wenigstens pressen sollen - laut Daten taten sie es nämlich nie. Kein Pressing, keine Tore, keine Punkte. Und so nimmt der FC Nyon drei Punkte mit nach Hause und ein breites Grinsen dazu. Der SC Biel-Bienne hingegen nimmt eine Lektion mit: Wer zu lange balanciert, fällt irgendwann runter. Oder, wie Louis Herzog es zusammenfasste: "Manchmal muss man einfach draufhalten. Das Leben pfeift schon nicht ab." 22.02.643987 19:30 |
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Lukas Podolski