// Startseite
| L’Equipe |
| +++ Sportzeitung für Frankreich +++ |
|
|
|
Es war einer dieser Abende im Stade de la Meinau, an denen man sich fragt, ob das Tor vielleicht heimlich abgebaut wurde. 56.386 Zuschauer waren gekommen, um am 32. Spieltag der 1. Liga Frankreich den AS Straßburg gegen die Gones de Lyon zu sehen. Sie bekamen Leidenschaft, Tempo, Dramatik - aber keine Tore. 0:0 hieß es am Ende, und selten war ein Nullnull so laut, so intensiv und so frustrierend zugleich. Schon nach zwei Minuten donnerte Marc Couture den Ball das erste Mal auf den Kasten der Gäste, als wollte er das Tornetz persönlich aufwecken. Zwei Minuten später versuchte er es gleich noch einmal. "Ich dachte, wenn ich oft genug schieße, geht irgendwann einer rein", grinste Couture nach dem Spiel, "aber anscheinend war das Tor heute zu." Trainer Da To, der seine Mannschaft offensiv und mit starkem Pressing ins Spiel schickte, konnte ihm nur zustimmen: "Wir haben alles versucht - Flanken, Doppelpässe, Stoßgebete. Lyon hat einfach dichtgemacht." Straßburg drückte, rannte und kombinierte - Kai Jakob und Alberto Fortunio tauchten im Minutentakt vor Lyon-Keeper Thierry Seymour auf, der an diesem Abend mehr Bälle fing als ein Zirkusartist. Zwischen der 13. und 39. Minute feuerte Straßburg allein sieben Torschüsse ab, ohne dass die Anzeigetafel sich rührte. Lyon dagegen? Vier Schüsse insgesamt, und die kamen meist aus Verlegenheit. Didier Scharboneau versuchte es zwar zweimal kurz nach der Pause, doch Torwart Maurice Engel parierte souverän - und gähnte dabei fast. In der 30. Minute wurde es kurz ruppig: Innenverteidiger Bradley Lewis sah Gelb, eine Minute später folgte ihm Couture - offenbar war Gelb an diesem Abend die Farbe der Hilflosigkeit. "Ich wollte zeigen, dass wir da sind", verteidigte sich Lewis, "vielleicht ein bisschen zu deutlich." Kurz vor der Pause reagierte Coach Da To und brachte frischen Wind: Ashton Adams ersetzte den verwarnten Lewis, der junge Christopher Nkunku kam für Couture. "Manchmal braucht man junge Beine", sagte der Trainer später, "oder zumindest neue Ideen." Ideen hatte Straßburg viele - Tore weiterhin keine. Nach dem Seitenwechsel blieb das Bild gleich: Straßburg mit etwas mehr Ballbesitz (52 Prozent), Lyon betont defensiv, aber gefährlich, wenn mal Platz war. In der 62. Minute versuchte Vitorino Olazabal sein Glück aus zwanzig Metern, der Ball zischte knapp über den Querbalken. Alberto Fortunio, der unermüdliche Mittelstürmer, prüfte den Keeper in der 66. und 78. Minute erneut - ohne Fortune. "Ich habe den Ball perfekt getroffen", schnaubte Fortunio später, "leider auch den perfekten Torwart." Die Gones de Lyon wirkten über weite Strecken wie ein Team, das mit dem Punkt zufrieden war. Kein Pressing, kein Risiko - aber auch kein Gegentor. Trainer Michel Lenoir (der Mann an der Lyoner Seitenlinie, stets mit einem Espresso in der Hand) kommentierte trocken: "Ein 0:0 auswärts ist wie ein Gratis-Croissant - man beschwert sich nicht." In der 87. Minute brachte Da To noch Ricardo Andrade für den ausgelaugten Refet Kursunlu. Andrade wirbelte, sprintete, suchte das Eins-gegen-Eins - und fand am Ende: nichts als die Arme des Lyoner Torhüters. Der Schlusspfiff kam wie eine Erlösung, zumindest für die Gäste. Die Statistik sprach Bände: 16:4 Schüsse für Straßburg, 55 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 52 Prozent Ballbesitz - aber eben null Tore. Man kann Spiele dominieren, ohne sie zu gewinnen, und genau das tat Straßburg. Beim Verlassen des Platzes klopfte Da To seinem Team auf die Schultern: "Wenn wir so weiterspielen, schießen wir irgendwann auch wieder Tore. Vielleicht schon nächste Woche. Vielleicht." Ein Fan auf der Tribüne brachte es auf den Punkt, als er nach Abpfiff rief: "Wir hätten das Tor einfach größer malen sollen!" Humor ist, wenn man trotzdem jubelt - oder in diesem Fall: trotzdem wiederkommt. Denn wer 90 Minuten lang so viel Leidenschaft und Pech in ein 0:0 packt, der hat zumindest Unterhaltung geliefert. Und vielleicht war das an diesem Abend das einzige Ziel, das wirklich getroffen wurde. 14.09.643993 16:34 |
Sprücheklopfer
Unsere Chancen stehen 70:50.
Torsten Legat