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Manchmal sind Fußballspiele wie Blind Dates: vielversprechend auf dem Papier, am Ende aber bleibt man höflich, nickt - und fragt sich, warum man sich das angetan hat. So ging es auch den 32.000 Zuschauern im Zürcher Stadion, die am 18. Spieltag der 1. Liga Schweiz ein 0:0 zwischen Rot-Weiss Zürich und dem SC Aarau zu sehen bekamen, das so torlos war, dass selbst die Anzeigetafel zwischendurch gähnte. Dabei war es kein langweiliges Spiel im klassischen Sinn. Es war nur - wie soll man sagen - ein Festival der verpassten Gelegenheiten. Aarau schoss 17 Mal auf das Tor, Zürich ganze fünf Mal. Statistikfreunde würden sagen: klare Sache. Nur das Netz weigerte sich konsequent, mitzuspielen. Schon in der ersten Minute donnerte Aaraus Innenverteidiger Detlev Jacob (!) - ja, ein Innenverteidiger - aus 25 Metern drauf. Der Ball zischte gefährlich knapp über den Querbalken. "Ich dachte, warum sollen immer nur die Stürmer Spaß haben", grinste Jacob später. Neun Minuten später versuchte er es wieder, diesmal flach - und zwang Zürichs Torwart Niklas Buffett zu einer Flugeinlage, bei der man kurz dachte, er wolle den Ball persönlich auf die Tribüne begleiten. Die Zürcher Antwort kam in Minute 18, als Marwin Caron nach einem schnellen Konter abzog - doch Aaraus Keeper Rikki Sleeper war hellwach und parierte sicher. "Ich hab den Ball kommen hören, bevor ich ihn gesehen hab", witzelte er später mit todernster Miene. In der 19. Minute begann dann die Pfeiffer-Show: Aaraus Linksaußen Andreas Pfeiffer prüfte den Keeper gleich dreimal innerhalb von 20 Minuten, scheiterte aber jedes Mal an Niklas Buffett oder an der eigenen Zielgenauigkeit. Sein Trainer Hans Meyer kommentierte trocken: "Wenn Andreas so weitermacht, müssen wir das Tor breiter malen lassen." Zürich hielt dagegen, aber eher aus Prinzip als aus Überzeugung. Pierre Vetter versuchte es in der 53. und 78. Minute, beide Male knapp vorbei. Bernt Brongniart, der bullige Mittelstürmer, hatte in der 57. Minute die beste Chance der Gastgeber. Sein Kopfball aus fünf Metern klatschte jedoch an den Pfosten - und prallte zurück wie ein beleidigter Tennisball. Zur Halbzeit hatte Aarau mit 51 Prozent Ballbesitz leicht die Nase vorn, während Zürich in der Zweikampfquote (43,6 zu 56,4 Prozent) klar das Nachsehen hatte. Trotzdem blieb es ein Spiel ohne klare Linie. Aaraus Trainer Meyer reagierte zur Pause mit zwei Wechseln: Der junge Franck Buffett kam für den etwas überforderten Justin Desjardins, und Patrik Ullrich ersetzte - nun ja - den torgefährlichsten Innenverteidiger Europas, Detlev Jacob. Ullrich brachte frischen Schwung und zwei brandgefährliche Schüsse (Minute 59 und 88), die beide knapp am rechten Pfosten vorbeizischten. "Ich dachte, der Ball will einfach nicht", murmelte er nach Abpfiff, während er sich mit einem Handtuch die Haare trocknete. In der Schlussphase war Zürich völlig platt, Aarau drückte - doch das Tor blieb wie verzaubert. In der 85. Minute hatte Johann Jaeger die letzte Großchance, als er nach feinem Zuspiel von Jean-Pierre Westphal allein vor Buffett auftauchte. Der Zürcher Keeper machte sich groß, Jaeger schoss - und traf, man ahnt es, erneut nur den Torwart. "Wir hätten heute wahrscheinlich noch drei Stunden spielen können, und es wäre 0:0 geblieben", seufzte Meyer hinterher. "Aber immerhin hat keiner verloren." Sein Zürcher Gegenüber - der sich nicht äußern wollte, aber mit einem ironischen Applaus Richtung Tribüne verschwand - dürfte das ähnlich sehen. Das Publikum quittierte die Leistung mit höflichem Applaus, wobei man nicht sicher war, ob der Applaus den Spielern galt oder der Tatsache, dass es endlich vorbei war. Fazit: Ein torloses Spektakel, das keineswegs langweilig war, aber trotzdem alle Beteiligten ratlos zurückließ. Aarau war engagiert, zielstrebig, offensiv - und ineffektiv. Zürich kämpfte, blockte, rettete und hatte Glück. Oder, wie Aarau-Kapitän Jean-Pierre Westphal es in der Mixed Zone formulierte: "Wir haben heute alles getroffen - Latte, Pfosten, Torwart. Nur das Tor selbst nicht. Aber hey, der Rasen war schön." Ein 0:0 also, das in Erinnerung bleibt. Nicht wegen der Tore, sondern wegen der Erkenntnis, dass Fußball manchmal wie ein guter Witz ist: Er lebt nicht vom Ergebnis, sondern vom Versuch. 15.08.643987 14:17 |
Sprücheklopfer
Bedanken möchten wir uns auch bei den Fans, auf denen wir uns immer verlassen konnten.
Andreas Brehme