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Es gibt diese Spiele, bei denen man nach dem Abpfiff nicht weiß, ob man gerade einem Abwehrspektakel oder einer verpassten Comedy-Show beigewohnt hat. Das 0:0 zwischen CSD Loja und Deportivo Canar am 23. Spieltag der 1. Liga Ecuador gehörte genau in diese Kategorie. 36.000 Zuschauer im Estadio Reina del Cisne bekamen alles - nur eben kein Tor. Dabei hatte Trainer Pferdinand Furunkel seine Lojanos offensiv eingestellt, als wollte er persönlich beweisen, dass man auch ohne Pressing Tore schießen kann. "Ich habe gesagt: Jungs, wir gehen drauf!", grinste Furunkel nach dem Spiel in die Kameras. "Dass keiner getroffen hat, war so nicht Teil des Plans." Und drauf gingen sie, besonders in der ersten halben Stunde. Ernesto Morais, der wendige Mittelstürmer, prüfte Canars Keeper Luís Salvadorez gleich dreimal in den ersten 15 Minuten (7., 9., 15.). Dazwischen rauschte Rui Ferrer über links, flankte, schoss - und verfehlte. Der Ballbesitz sprach Bände: 57,6 Prozent für Loja, der Rest für Canar, das sich meist in die eigene Hälfte zurückzog und offenbar hoffte, dass sich der Sturm von allein legt. Doch auch die Gäste hatten ihre Momente. Schon in der 3. Minute zog Adriano Godinez wuchtig ab - und zwang Lojas Torwart Pau Viana zu einer Parade, die man in Loja wohl noch in zehn Jahren erzählen wird ("Er flog wie ein Kondor!" raunte ein älterer Fan auf der Tribüne). Später, in der 43. Minute, versuchte es Alejandro Bergantinos aus spitzem Winkel - und traf immerhin den Pfosten. Zur Halbzeit stand es 0:0, und man konnte dem Spiel nicht vorwerfen, langweilig zu sein. Nur dem Tor. Die zweite Hälfte begann, wie die erste endete: mit Angriffen ohne Ertrag. Canar blieb defensiv, das Wort "Pressing" war offenbar aus ihrem Taktik-Zettel gestrichen. Trainer Helmut Adolph erklärte später trocken: "Wir wollten kontrolliert verteidigen. Wir haben das hervorragend gemacht. Der Ball ist ja nicht reingegangen, also alles richtig." Loja hingegen kämpfte, kombinierte, und Ernesto Morais schoss weiter, als würde es für jeden Versuch Punkte geben. In der 60. Minute setzte er erneut einen satten Schuss knapp über die Latte. "Ich dachte, der war drin", sagte er hinterher und lachte bitter. "Dann hab ich den Jubel schon geübt - umsonst." In der 69. Minute dann das Gelb-Festival: Erst sah Canars 17-jähriger Innenverteidiger Julian Adao Gelb, weil er Morais an der Strafraumgrenze umarmte, als ginge es um einen Tanzkurs. Eine Minute später erwischte es Sören Hermansen von Loja für ein taktisches Foul - "Ich wollte nur Hallo sagen", witzelte der Däne später. Als ob der Fußballgott noch ein wenig Drama wollte, verletzte sich in der 72. Minute Canars Mittelfeldroutinier Ignacio Antolin ohne Fremdeinwirkung. Er humpelte vom Platz, wurde durch den erfahrenen Walther Bachmann ersetzt - eine Umstellung, die das Spiel endgültig in die Kategorie "zäh, aber ehrgeizig" beförderte. Die letzten Minuten gehörten wieder Loja. Jaime da Costa und Sören Hermansen feuerten aus allen Lagen, selbst Innenverteidiger Rene Barthez versuchte sich in der 83. Minute als Torjäger - der Ball landete, wie so viele zuvor, in den Armen von Salvadorez. Nach dem Spiel herrschte die seltsame Mischung aus Erleichterung und Ratlosigkeit. Loja hatte 14 Torschüsse, Canar 11. Beide Teams hätten gewinnen können, wenn sie gewollt hätten - oder wenn der Ball verstanden hätte, worum es in diesem Sport eigentlich geht. "Ich bin stolz auf meine Jungs", sagte Furunkel mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Trotz und Müdigkeit pendelte. "Wir haben uns Chancen erarbeitet, das Tor war halt zu klein." Helmut Adolph konterte trocken: "Vielleicht war’s zu groß für sie." Das Publikum verabschiedete beide Teams mit Applaus - und einem leicht spöttischen "Tor! Tor!"-Chor, als die Spieler in den Kabinengang verschwanden. Am Ende blieb ein torloses Remis, das keineswegs trostlos war. Es war wild, hitzig, manchmal slapstickhaft - eben ein typisches 0:0 mit Herz. Oder, wie ein Zuschauer beim Verlassen des Stadions sagte: "Manchmal ist kein Tor das schönste Tor." Und vielleicht hatte er damit sogar recht. 12.10.643987 07:52 |
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Torsten Legat