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Es war der Auftakt in die neue Saison der 1. Liga Italien, aber wer am Samstagabend ins Stadio Renato Dall’Ara gekommen war, um Tore zu sehen, bekam stattdessen eine Lehrstunde in italienischer Defensivkunst — und eine rote Karte als dramaturgischen Höhepunkt. AS Bologna und AS Rom trennten sich 0:0, ein Ergebnis, das nüchtern klingt, in Wahrheit aber alles andere als langweilig war. 41.013 Zuschauer sahen zwei Mannschaften, die sich gegenseitig neutralisierten, als ginge es um die letzten Restbestände an Selbstvertrauen der Sommerpause. Bologna unter Ferdinand Mayer verteidigte tief, diszipliniert und mit jenem Pragmatismus, der in Italien fast schon als Kunstform gilt. Rom, gecoacht von An Sp, versuchte es dagegen mit spielerischer Dominanz - und hatte mit 55 Prozent Ballbesitz auch mehr vom Spiel, nur eben nicht vom Ergebnis. Schon nach sieben Minuten sorgte Daniel Marcel mit einem satten Distanzschuss für den ersten Aufreger. "Ich dachte, der geht rein - der Ball hat sich aber offenbar anders entschieden", grinste der 32-jährige Mittelfeldmann später. Rom antwortete prompt: Arnaldo Saracena prüfte in der 9. Minute Bolognas Keeper Enrico Satriano, der sich mit einer Flugeinlage in die Herzen der Heimfans warf. Die erste Halbzeit war ein Abnutzungskampf. Bologna lauerte, Rom kombinierte, und beide beschäftigten ihre Torhüter regelmäßig ohne Erfolg. Enrico Platania und Gianluca Mare schossen für die Gäste aus allen Lagen, Christoph Engelhardt und Amaury Morais hielten für Bologna dagegen. Kurz vor der Pause zirkelte Sebastian Nagel den Ball haarscharf über die Latte - und der Stadionsprecher hatte schon Luft für das 1:0 geholt, bevor die Realität ihn wieder einholte. Nach dem Seitenwechsel wurde es hitziger. Ludvig Jensen versuchte es in der 52. Minute mit einem Schuss aus der zweiten Reihe, aber Roms Keeper Pierpaolo Santoro blieb cool. Dann kam die Szene, die das Spiel kippen sollte - oder besser gesagt: kippen hätte können. In der 58. Minute sah Roms Flügelstürmer Enrico Platania Gelb nach einem rustikalen Einsteigen gegen Giuseppe Bruzzone. "Ich hab den Ball getroffen, den Ball, ehrlich!", rief er in Richtung Schiedsrichter, der nur müde die Karte in die Luft hielt. Fünfzehn Minuten später folgte die Eskalation: Der 18-jährige Innenverteidiger Christian Pappalardo, bis dahin solide, stieg gegen Nagel viel zu spät ein - glatt Rot in der 73. Minute. Der Youngster schlich vom Platz, während Trainer An Sp mit gespielter Ruhe in der Coachingzone die Hände hinter dem Rücken verschränkte. "Das sind Lernmomente", sagte er später trocken. "Leider für uns alle gleichzeitig." In Überzahl schnupperte Bologna am Sieg. Der 18-jährige Claudio Montanari, gerade erst eingewechselt, sorgte mit frischem Elan für Druck. In der 84. Minute hatte Nagel die größte Chance des Spiels: sein Schuss aus spitzem Winkel strich Zentimeter am Pfosten vorbei. "Ich hab’s zielen lassen", witzelte er nach Abpfiff, "aber der Pfosten hatte offenbar einen schlechten Tag." Statistisch blieb das Remis gerecht: Bologna mit neun Torschüssen, Rom mit sieben, Tacklingquote fast identisch (50,3 zu 49,7 Prozent). Roms Ballbesitzüberlegenheit verpuffte an Bolognas disziplinierter Fünferkette, die Ferdinand Mayer mit einem Lächeln verteidigte: "Wir wollten zeigen, dass man mit weniger Ball auch Spaß haben kann." Rom dagegen wirkte nach dem Platzverweis ideenlos. Saracena versuchte in der 75. Minute noch einmal sein Glück, aber der Ball landete sicher in den Armen Satrianos. Als Schiedsrichter Campanella nach 94 Minuten abpfiff, atmete Bologna auf - und Rom wirkte, als hätte man gerade gegen eine Betonmauer gespielt, die auch noch lächelte. "Ein 0:0 kann schön sein, wenn man es überlebt", meinte Mayer augenzwinkernd auf der Pressekonferenz. Sein Gegenüber An Sp nickte nur und sagte: "Manchmal ist Fußball wie Espresso - kurz, bitter und man bleibt trotzdem wach." Fazit dieses Abends: Kein Tor, aber reichlich Stoff für Diskussionen, Gesten und Schlagzeilen. Bologna verteidigt clever, Rom sucht weiter nach dem Schalter zum Toreschießen, und die Serie A hat ihren ersten kleinen Skandal der Saison - in Form einer Roten Karte, die so unnötig war wie elegant gezückt. Und irgendwo in Bologna wird ein Fan heute Abend sagen: "Kein Tor, aber immerhin kein Herzinfarkt." Auch das ist Fußball - italienischer Pragmatismus in Reinform. 30.05.643990 05:30 |
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