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Was für ein Abend in Kopenhagen! 59.000 Zuschauer im ausverkauften Stadion sahen ein Champions-League-Spiel, das in die Kategorie "Lehrstunde in Sachen Nervenstärke" gehört. Nordsjälland führte zur Pause scheinbar souverän mit 2:0 - und verlor am Ende trotzdem 2:3 gegen den SC Chiasso. Trainer Kiki Ötzi stand nach dem Schlusspfiff regungslos an der Seitenlinie, als wollte er prüfen, ob der Rasen ihm vielleicht erklären könne, was da gerade passiert war. Dabei hatte alles so gut begonnen. In der 25. Minute traf Christoffer Klausen nach mustergültigem Zuspiel von Billy Lachance - ein sauberer Abschluss, flach ins rechte Eck, wie aus dem Lehrbuch. "Ich hab einfach den Fuß hingehalten, Billy hat die ganze Arbeit gemacht", grinste Klausen später. Und als Andreas Svensson in der 38. Minute nach Vorlage von Jose Maria Morte eiskalt auf 2:0 erhöhte, schien das Schicksal des Spiels besiegelt. Chiasso wirkte harmlos, die Defensive unsortiert, und Trainer Heiko Vogel kaute an seinem Kaugummi, als wolle er es durch bloßes Kauen in einen Matchplan verwandeln. Doch Fußball wäre nicht Fußball, wenn Geschichten nicht umgeschrieben würden. In der Halbzeitpause, so verriet Vogel später augenzwinkernd, habe er seinen Spielern gesagt: "Wenn ihr schon untergeht, dann wenigstens schwimmend." Und plötzlich schwammen sie - und wie! In der 57. Minute leitete Fernando Carvalho einen Angriff über die linke Seite ein, flankte scharf in die Mitte, wo Isaac Millington lauerte. Mit der Präzision eines Uhrwerks nickte der Engländer den Ball zum 2:1-Anschlusstreffer ein. "Da war plötzlich Leben in der Bude", meinte Vogel. Und tatsächlich: Von Minute zu Minute wurde Chiasso mutiger, während Nordsjälland begann, die berühmte dänische Gelassenheit mit lähmender Passivität zu verwechseln. Elf Minuten später wiederholte sich das Muster: Diesmal war es Carvalho selbst, der nach einem Pass von - ja, richtig gelesen - Christiano Ronaldo (!) den Ball unter die Latte hämmerte. Der Brasilianer mit dem klingenden Namen grinste nach dem Abpfiff: "Ich sag immer, wenn man Ronaldo heißt, muss man auch mal treffen." Das Stadion war plötzlich still. Nur der kleine Gästeblock tobte, als wüssten die rund 400 Chiasso-Fans, dass da noch etwas in der Luft lag. Und sie sollten recht behalten. Zwei Minuten nach dem Ausgleich, in der 70. Minute, traf erneut Millington, diesmal nach einem perfekten Zuspiel von Alejandro Poncela. Der Ball zappelte im Netz - 3:2 für Chiasso, und Nordsjälland sah aus, als hätte jemand den Stecker gezogen. "Wir haben nach dem 2:0 aufgehört, Fußball zu spielen", grollte Kiki Ötzi in der Pressekonferenz. "Vielleicht dachten einige, das Spiel sei schon im Kühlschrank. Leider haben sie vergessen, ihn anzuschalten." Seine Worte trafen ins Schwarze. Denn obwohl Nordsjälland mit 51 Prozent leicht mehr Ballbesitz hatte und 12 Torschüsse abgab (Chiasso kam auf 10), fehlte nach der Pause jede Konsequenz. Svensson und Klausen wirkten im Angriff zunehmend isoliert, während die Gäste mit einem Lächeln auf den Lippen konterten. Besonders auffällig: die Ruhe von Chiassos Torhüter Joseph Bridges. In der 84. Minute fischte er einen wuchtigen Schuss von Andreas Kruse aus dem Winkel, als wolle er demonstrieren, dass auch englische Keeper mal einen sicheren Tag erwischen können. "Ich hab nur gehofft, dass mir keiner auf die Finger tritt", witzelte Bridges später. Die Zuschauer verabschiedeten ihre Mannschaft mit gemischten Gefühlen - höflicher Applaus, aber auch Kopfschütteln. Nordsjälland hatte alles in der Hand und ließ es fallen wie ein Seifenstück. Chiasso dagegen feierte ausgelassen. Trainer Vogel fasste es zusammen: "Manchmal reicht eine gute zweite Halbzeit, um eine schlechte erste vergessen zu machen. Heute war so ein Tag." Und so steht am Ende nicht nur ein spektakuläres 2:3, sondern auch eine kleine Fußballweisheit: Spiele werden nicht nach 45 Minuten entschieden - außer vielleicht in Nordsjälland. Oder, wie ein dänischer Fan beim Verlassen des Stadions murmelte: "Wir wollten Drama - und haben eine Tragödie bekommen." Man kann ihm schwer widersprechen. 23.12.643990 17:02 |
Sprücheklopfer
Was der Rudi Bommer heute mit seinen 800 Jahren geleistet hat, war schon phänomenal.
Dragoslav Stepanovic