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Es war ein Abend, wie ihn die Fans im Stadio Diego Armando Maradona lieben: laut, heiß und ein bisschen chaotisch. 38.905 Zuschauer sahen beim 4:2-Sieg des AC Neapel gegen Palermo Calcio ein Spiel, das irgendwo zwischen Taktikvortrag und Straßenfußball pendelte - mit Toren im Drei-Minuten-Takt und einer zweiten Halbzeit, die selbst den hartgesottensten Statistikern die Stifte schmelzen ließ. Palermo begann frech, offensiv, fast übermütig. Schon in der siebten Minute belohnte sich der 21-jährige Vincenzo Castello für seinen Mut: Nach einem präzisen Zuspiel von Daniele Monti schob er den Ball eiskalt an Neapels Torwart Gordej Dazjuk vorbei. "Ich dachte, wir könnten sie richtig ärgern", grinste Castello später, "aber dann haben sie angefangen, ernst zu machen." Und das taten sie. Nur 16 Minuten später legte Aleandro Squillace los, als würde er ein persönliches Duell mit Palermos Keeper Fotios Goumas austragen. Erst zimmerte er in der 23. Minute den Ball unter die Latte, dann bediente er eine Minute später seinen Kollegen Arnau Muno, der souverän zum 2:1 einnetzte. Der Jubel im Stadion war ohrenbetäubend, die Vespa-Hupen in Neapel dürften an diesem Abend Überstunden gemacht haben. Doch Palermo hatte noch nicht genug. Monti, der quirligste rechte Mittelfeldspieler südlich von Rom, glich in der 28. Minute aus - nach feiner Vorlage von Andrea Marchesato. 2:2 zur Pause - und ein Halbzeitfazit, das man so zusammenfassen konnte: Taktik? Ja. Aber vor allem: Wahnsinn. "Ich habe in der Kabine gesagt, wir sollen einfach weiter Fußball spielen", erklärte Neapels Trainer Filippo ElMister mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Müdigkeit und Stolz pendelte. "Die Jungs hören ja eh nicht auf mich, sobald’s läuft." Und es lief. Nach dem Seitenwechsel übernahm Neapel endgültig das Kommando. 53 Prozent Ballbesitz, 15 Torschüsse und ein Mittelfeldmotor namens Aurel Bindea, der das Spiel diktierte, als hätte er ein Metronom im Kopf. In der 62. Minute belohnte er sich selbst: Vorlage Ashton Davonport, Abschluss Bindea - 3:2. Der Rest war Fußballpoesie in Hellblau. Palermo stemmte sich tapfer dagegen, aber je länger das Spiel dauerte, desto deutlicher wurde der Unterschied zwischen einer Mannschaft mit Erfahrung und einer mit Hoffnung. Vincenzo Castello und Aldo Lombardo hatten noch Chancen, doch Dazjuk im Neapel-Tor hielt, was zu halten war. In der 83. Minute dann der Schlusspunkt: Wieder war es Arnau Muno, wieder stand er goldrichtig. Nach einem perfekt getimten Pass von Bindea drosch er den Ball humorlos ins Netz - 4:2 und der endgültige Knockout für Palermo. "Das war kein Tiki-Taka", lachte Muno nach Abpfiff, "das war Taka-Bumm." Trainer Ofgqod Euogugezzh von Palermo blieb trotz der Niederlage gefasst: "Wir haben offensiv gespielt, wie immer. Leider hat die Defensive das auch gemerkt." Ein Satz, der in die Vereinschronik eingehen könnte. Taktisch gesehen war das Spiel eine kleine Paradoxie: Palermo blieb über 90 Minuten offensiv ausgerichtet, aber ohne echtes Pressing - fast höflich in der Rückwärtsbewegung. Neapel dagegen kombinierte aggressives Zweikampfverhalten (Tacklingquote 52,5 Prozent) mit langen Bällen auf die schnellen Flügel. Vor allem Squillace und Davonport wirbelten, als seien sie mit Espresso angetrieben. Die Zuschauer verabschiedeten ihre Helden mit stehenden Ovationen, während Palermo sich mit hängenden Köpfen, aber erhobenem Stolz verabschiedete. "Wir haben zwei Tore gemacht, das ist mehr als viele hier schaffen", sagte Marchesato trotzig. Unterm Strich bleibt ein Spiel, das alles bot, was man an italienischem Fußball liebt - Leidenschaft, Drama, ein wenig Chaos und Trainer, die mehr gestikulierten als atmeten. Und irgendwo in den Katakomben des Stadions hörte man ElMister noch murmeln: "Wenn wir jedes Mal vier Tore brauchen, um zu gewinnen, muss ich bald Blutdrucktabletten verschreiben lassen." Ein Abend für die Fans, ein Albtraum für jeden Defensivtrainer - und ein Beweis, dass in Neapel auch 2026 der Ball immer ein bisschen verrückter rollt als anderswo. 06.03.643987 10:39 |
Sprücheklopfer
Mir ist ein Felsen vom Körper gefallen.
Rainer Calmund