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An einem kühlen Januarabend in Malatya bekamen die 27.000 Zuschauer ein Spiel zu sehen, das sinnbildlich für die Launenhaftigkeit des Fußballs stand: Malatiaspor führte schon 2:0, hatte alles im Griff - und stand am Ende doch mit nur einem Punkt da. Genclerbirligi kämpfte sich nach der Pause mit Wucht und Willen zurück, und so endete die Partie des 13. Spieltags der 1. Liga Türkei mit einem 2:2 (2:0). Dabei sah in der ersten Halbzeit alles nach einem entspannten Heimabend für die Gelb-Schwarzen aus. Schon in der 13. Minute brachte Pehlivan Avci Malatiaspor nach einem schnellen Doppelpass mit Linksverteidiger Sandor Juhasz in Führung. "Ich hab einfach draufgehalten, weil ich keine Lust mehr hatte, hinterherzurennen", grinste Avci später in der Mixed Zone. Der Ball schlug wuchtig im rechten Eck ein - Gästekeeper Gilles Theunis streckte sich vergeblich. Genclerbirligi wirkte im Anschluss wie ein Team, das zwar offensiv eingestellt war, aber den eigenen Plan nicht ganz verstand. Stürmer Axel Theunis drosch in der 14. und 26. Minute zweimal freistehend über das Tor, während Trainer Abdullah Avci (Namensvetter des Torschützen, aber kein Verwandter) an der Seitenlinie verzweifelt in seinen Notizblock kritzelte. Kurz vor der Pause dann der zweite Streich: Rechtsaußen Efstathios Xanthis, erst 22, lief nach einem feinen Zuspiel von Pehlivan Avci allein auf den Keeper zu und vollendete eiskalt zum 2:0 (45.). "Ich hab kurz überlegt, ob ich querlege - dann fiel mir ein, dass das noch nie jemand in Malatya gemacht hat", lachte der Grieche später. Mit 2:0 zur Halbzeit und 47 Prozent Ballbesitz schien Malatiaspor alles im Griff zu haben. Doch gleich nach Wiederanpfiff kam der Bruch. Kaum war der Ball wieder im Spiel, da traf Isidoro Viana für Genclerbirligi (47.) - nach schöner Vorarbeit von Hadis Tanman. Und ausgerechnet in dieser Minute musste Malatyas zentraler Mittelfeldmann Haluk Karan verletzt raus, ersetzt von Louis Aimee. Trainer Jan Metric sprach später von einer "unglücklichen Doppelsituation, die das Spiel kippen ließ". Von da an rollte Angriff um Angriff auf das Tor von Oliver Badham, dem Malatya-Keeper. Genclerbirligi, das laut Statistik 14 Torschüsse verbuchte (gegenüber 12 der Gastgeber), drückte mit zunehmend verzweifeltem Drang. Besonders Axel Theunis wurde zum Sinnbild der Beharrlichkeit: Er schoss in den Minuten 50, 52, 73 und 92 viermal aufs Tor - und traf schließlich beim dritten Versuch. In der 73. Minute war es soweit: Julian Martins flankte präzise von rechts, Theunis stieg am höchsten und köpfte zum 2:2-Ausgleich ein. "Ich hab’s einfach noch mal probiert. Irgendwann muss ja einer reingehen", sagte der 33-Jährige mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen Erleichterung und Unglauben pendelte. Malatiaspor versuchte in der Schlussphase noch einmal, das Ruder herumzureißen. Xanthis (80.) und Baiao (85., 93.) prüften den gegnerischen Torwart, doch die Präzision aus der ersten Hälfte war dahin. Defensivchef Köksal Keles holte sich in der 69. Minute noch die obligatorische Gelbe Karte ab - "um den Jungs zu zeigen, dass ich noch da bin", wie er hinterher launig erklärte. Auf der anderen Seite erwischte es in der 87. Minute Sezer Kocaman, der nach einem zu rustikalen Zweikampf ebenfalls Gelb sah. Trainer Abdullah Avci nahm’s gelassen: "Wenn du hinten 2:0 liegst, brauchst du ein bisschen Feuer. Sonst bleibst du in der Kabine." Am Ende stand ein gerechtes 2:2 auf der Anzeigetafel - gerecht deshalb, weil Malatiaspor nach starkem Beginn zu passiv wurde und Genclerbirligi nie aufgab. Die Statistiken bestätigen das: Mehr Ballbesitz (52,5 %), mehr Torschüsse, mehr Moral. Trainer Jan Metric fand trotzdem versöhnliche Worte: "Wir haben 45 Minuten lang sehr guten Fußball gespielt. Leider dauert ein Spiel 90." Sein Gegenüber konterte trocken: "Und manchmal sogar 93 - das war heute unser Glück." Während die Fans nach Abpfiff zwischen Enttäuschung und Applaus schwankten, stapfte Pehlivan Avci mit gesenktem Kopf Richtung Kabine. Auf die Frage, ob er mit dem Punkt zufrieden sei, murmelte er nur: "Ich bin Mittelfeldspieler, kein Philosoph." So bleibt Malatiaspor nach diesem 2:2 gefühlt zwischen den Welten - zu stark, um zu verlieren, zu unentschlossen, um zu gewinnen. Genclerbirligi dagegen nimmt den Punkt mit, als wäre es ein Sieg. Vielleicht, weil sie wissen: Wer zweimal zurückkommt, gewinnt mehr als nur einen Zähler - er gewinnt Charakter. Und den kann man bekanntlich nicht kaufen. Nicht mal in der Winterpause. 17.06.643987 07:28 |
Sprücheklopfer
Wir müssen vor dem Tor einfach cooler sein, einfach heißer.
Thomas Doll