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Es war ein Abend, an dem 79.500 Zuschauer im altehrwürdigen Blues-Stadion den Atem anhielten - und das nicht etwa wegen des typisch britischen Nieselregens, sondern wegen eines Spiels, das erst in der 87. Minute entschied, wer mit einem Lächeln in die Kabine durfte. Die London Blues besiegten UC Albinoleffe mit 3:2 (0:0) im Hinspiel des Europaliga-Halbfinales - und lieferten dabei eine Vorstellung, die irgendwo zwischen Drama, Slapstick und taktischer Meisterklasse pendelte. Die erste Halbzeit war ein Geduldsspiel für alle Beteiligten. Während die Blues sich auf ihren "balanced approach" - also eine Taktik zwischen Mut und Vorsicht - verließen, stürmte Albinoleffe mit typisch italienischem Selbstbewusstsein an. Allerdings ohne den erhofften Ertrag. "Wir hätten auch mit einem Medizinball spielen können, so schwer flog das Ding", murrte René Doucet, der bullige Mittelstürmer der Gäste, nach dem Abpfiff. Nach 45 Minuten war klar: Mehr Ballbesitz (51 Prozent) hilft auch nichts, wenn man das Ziel nicht trifft. Und so ging es torlos in die Pause - begleitet von einem leisen Pfeifkonzert, das selbst den erfahrenen Blues-Coach Fabio Rapi kurz die Stirn runzeln ließ. "Ich sagte den Jungs: Wenn ihr schon keine Tore schießt, dann wenigstens so, dass die Fans glauben, es sei Absicht", grinste er später. Dann explodierte das Spiel. In der 54. Minute war es ausgerechnet Rechtsverteidiger Aad Courtlandt, der sich ein Herz fasste und nach Vorarbeit von Jose Maria Farinos den Ball humorlos ins rechte Eck drosch - 1:0! Drei Minuten später legte Sean Prentiss nach, wieder auf Vorlage von Farinos. 2:0, und die Tribünen bebten. "Ich dachte, die Latte fällt runter, so laut war es", scherzte Farinos nach der Partie. Doch wer glaubte, Albinoleffe würde sich ergeben, hatte die Rechnung ohne Trainer Danek Petri gemacht. Der Mann mit dem ewig zerknitterten Sakko wechselte zwar nicht, aber er brüllte seine Elf in die Offensive. Und siehe da: In der 65. Minute traf Heikki Tolsa nach feiner Vorlage von Doucet zum Anschluss. Zehn Minuten später war es Gaetano Martirano, der nach einer butterweichen Hereingabe von Lewis Kirkwood das 2:2 markierte - die Auswärtskurve explodierte, und plötzlich sah es so aus, als würden die Blues das Spiel aus der Hand geben. Rapi reagierte. In der 80. Minute kamen frische Kräfte: Connor Lansbury ersetzte den ausgepumpten Prentiss, Christoph Steffen kam für Staunton, und Paul Frost ersetzte den gelbbelasteten Bosworth. Auf der Bank flüsterte Rapi seinem Assistenten angeblich zu: "Wenn das jetzt nicht klappt, schreibe ich nächste Woche Romane über Schach." Und dann kam die 87. Minute. Der junge Lansbury fasste sich ein Herz, passte in den Lauf von Gabriel Hathaway - und der 24-Jährige, der bis dahin eher unglücklich agiert hatte, vollendete eiskalt zum 3:2. Das Stadion explodierte, die Fans schrien sich heiser, und selbst der sonst so stoische Rapi ballte die Faust. "Ich hab’ einfach draufgehalten. Und gehofft, dass der Ball nicht in der Themse landet", grinste Hathaway mit einem Anflug von Ungläubigkeit. Die letzten Minuten waren ein wilder Tanz zwischen Hoffnung und Panik: Albinoleffe warf alles nach vorn, der eingewechselte Frost blockte einen Schuss mit allem, was der Körper hergab, und Torwart Bent Ipsen hielt in der Nachspielzeit noch einen gefährlichen Versuch von Tolsa. Dann war Schluss - und die Blues hatten einen hauchdünnen, aber wertvollen Sieg im Gepäck. Die Statistik sprach kaum eine deutliche Sprache: 17 zu 12 Torschüsse, fast ausgeglichenes Ballbesitzverhältnis, vier Gelbe Karten (drei für London, eine für die Gäste). Doch wer nur auf Zahlen schaut, verpasst die ganze Poesie dieses Abends - die Explosion des Stadions nach Hathaways Treffer, das nervöse Zittern auf beiden Bänken, und die pure Dramatik, die nur Fußball so liefern kann. "Wir haben ein Bein im Finale", sagte Rapi, "aber das zweite steht noch auf wackligem Grund." Petri hingegen blieb kämpferisch: "In Italien gewinnen wir 2:0 - und dann reden wir weiter." Ein versöhnliches Schlusswort? Vielleicht dieses: Wer an diesem Abend im Stadion war, hat gesehen, warum Fußball manchmal grausam und wunderschön zugleich ist. Und warum man selbst bei 3:2-Siegen das Gefühl haben kann, gerade noch einmal dem Herzinfarkt entkommen zu sein. 21.03.643990 12:27 |
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Berti Vogts ist die arme Sau, die von den Medien durchs Dorf getrieben wird.
Rainer Calmund