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Ein europäischer Winterabend in London, 71.550 Zuschauer im mit Nebel und Erwartung gefüllten Stadion - und die "London Blues" liefern genau das, was ihre Fans wollten: ein 2:1 gegen den französischen Vertreter "Licorne SC", das ihnen den Einzug ins Viertelfinale der Europaliga sichert. Es war kein glattes Schaulaufen, eher ein raues, manchmal leicht chaotisches Fußballstück, das durch jugendliche Energie, ein bisschen Glück und sehr viel Einsatz entschieden wurde. Bereits nach zehn Minuten begann das Stadion zu beben. Der junge Kian Hoskins, gerade mal 20 Jahre alt, flankte präzise auf den quirlig agierenden Bradley Hensley. Der nahm den Ball volley, und ehe Torwart Duarte Maniche auch nur "Mon dieu" murmeln konnte, zappelte die Kugel im Netz. 1:0 - und der Anfang einer Partie, die an Intensität kaum nachließ. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Hensley später. "Fabio hat immer gesagt: Schießen ist wie Zähneputzen - regelmäßig und ohne Zögern!" Coach Fabio Rapi stand zu diesem Zeitpunkt noch entspannt an der Seitenlinie, kaute Kaugummi und nickte zufrieden. "Das war genau unser Plan: früh Druck machen, dann Ballbesitz abgeben und sie kommen lassen", erklärte er nach dem Spiel mit einem Augenzwinkern. Tatsächlich hatte Licorne SC am Ende mit 51 Prozent etwas mehr Ballbesitz, konnte daraus aber kaum Kapital schlagen. Ganze zwei Torschüsse standen am Ende auf ihrem Konto - der zweite davon allerdings mit Wirkung. Denn kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, da hatte sich der 21-jährige Marcel Bonald, eigentlich rechter Verteidiger, plötzlich in den Strafraum verirrt. Nach einer feinen Kombination über - wer sonst - Kian Hoskins schob Bonald eiskalt zum 2:0 ein (47.). Der Jubel im Stadion war ohrenbetäubend. Bonald rannte zur Eckfahne, riss die Arme hoch und brüllte: "Das ist mein Haus!" - was er laut Hoskins schon im Mannschaftsbus angekündigt hatte. Doch die Freude währte nur kurz. Drei Minuten später, 50. Minute, ein Eckball für die Gäste. Ivan Alcazar, der bullige Innenverteidiger der Franzosen, stieg höher als alle anderen und köpfte den Ball wuchtig in die Maschen. 2:1 - und plötzlich war das Spiel wieder offen. Trainer Nino Perro, sonst eher ein Mann der ruhigen Gesten, fuchtelte wild mit den Armen und brüllte seine Spieler nach vorne. "Wir hatten sie am Wickel!", sagte er später. "Aber dann fehlte uns der letzte Biss - und vielleicht auch das Glück, das man in solchen Nächten braucht." Danach entwickelte sich ein offener Schlagabtausch - zumindest theoretisch. In der Praxis schossen fast nur noch die Blues. Insgesamt zwölf Torschüsse sammelten sie, von Felipe Viana über Mason Staunton bis hin zu Jay Sterling, der in der 75. Minute aus 20 Metern knapp verzog. "Wenn der reingeht, nennen sie mich ’der Hammer von Hounslow’", scherzte Sterling nach dem Abpfiff. Die Partie blieb intensiv, manchmal übermotiviert. In der 79. Minute sah Innenverteidiger Paul Frost Gelb, nur zwei Minuten später folgte Marcel Bonald, der offenbar dachte, auch Karten zu sammeln sei Teil des Spiels. Auf der Gegenseite holte sich Licorne-Mittelfeldmann Joseph Blanchard kurz vor Schluss ebenfalls den gelben Karton ab - ein Symbol für die hitzige, aber faire Schlussphase. Mit den Einwechslungen von Owen Ward, Paul Frost und dem jungen Luke Badham brachte Fabio Rapi frische Beine - und ein paar nervöse Momente. "Ich hab ihm gesagt, er soll einfach nicht über den Ball treten", lachte Rapi über den 24-jährigen Badham. Der tat ihm den Gefallen und brachte das Spiel ruhig zu Ende. Als Schiedsrichter Mendez aus Spanien schließlich abpfiff, lag die Mannschaft der Blues in den Armen, die Fans sangen, und Fabio Rapi hob die Faust gen Himmel. Der Coach sagte später nur trocken: "Es war kein Kunstwerk, aber ein solides Möbelstück." Ein Satz, der wohl in die Vereinschronik eingehen wird. Für Licorne SC bleibt die bittere Erkenntnis, dass Ballbesitz allein keine Tore schießt - und dass man sich im europäischen Wettbewerb keine Sekunde Unaufmerksamkeit leisten darf. Für die London Blues hingegen war es ein Abend, der Mut macht: jung, wild, manchmal ungestüm, aber mit Herz. Oder, wie es Torschütze Bonald zusammenfasste, während er sich im Kabinengang noch die Schienbeinschoner auszog: "Wenn man mit zwanzigtausend Kehlen im Rücken rennt, kann man gar nicht verlieren." Und so verabschiedeten sich die Blues in die Londoner Nacht - mit einem Sieg, einem Lächeln und dem Gefühl, dass im Viertelfinale noch lange nicht Schluss ist. 23.10.643987 22:17 |
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