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Ein lauer Frühlingsabend in Istanbul, 41.788 Zuschauer, Flutlicht, gespannte Gesichter - alles war angerichtet für einen Fußballabend mit Drama-Garantie. Und tatsächlich: Beim 1:2 (1:1) zwischen Galatasaraj und Bursaspor bekamen die Fans alles, was Herz und Nerven strapazieren kann - inklusive eines späten, schmerzhaften Stichs in der Nachspielzeit. Trainer Carlo Colucci stand noch an der Seitenlinie, die Hände in den Taschen, als Bursaspor in der 91. Minute zuschlug. Daniel Steiner - 32, erfahrener Rechtsaußen, der aussieht, als könne er bei jedem Wetter Marathon laufen - nahm eine Hereingabe von Cameron Cabell volley und versenkte den Ball unhaltbar im Netz. "Ich wollte eigentlich nur flanken", grinste Steiner später. "Aber manchmal macht der Ball einfach, was er will." Dabei hatte alles so gut für die Gastgeber begonnen. Galatasaraj, taktisch ausgewogen und mit jugendlicher Frische, ging in der 21. Minute durch Veli Kurtulus in Führung. Der 21-Jährige schob nach feiner Vorarbeit von Filipe Mendes eiskalt ein - und machte anschließend den obligatorischen Jubelritt Richtung Eckfahne. "Ich hab’ einfach draufgehauen", sagte er hinterher und grinste schief. "Der Trainer meinte, ich soll öfter schießen. Jetzt sagt er wahrscheinlich, ich soll’s nicht übertreiben." Doch Bursaspor antwortete prompt. Nur acht Minuten später stand Cameron Cabell goldrichtig, nachdem Olav Astruc von rechts geflankt hatte. Cabell, der an diesem Abend ohnehin überall war - mal am Flügel, mal vorn im Zentrum, mal gefühlt im VIP-Bereich -, köpfte zum 1:1 ein. "Wir wollten hier was holen, und Cameron war heute einfach heiß", lobte Gästecoach Ümit Dogan, der nach dem Spiel mit einem breiten Grinsen in den Katakomben verschwand. Das Spiel wogte hin und her, statistisch fast eine Kopie: 11 zu 12 Torschüsse, 50,6 zu 49,3 Prozent Ballbesitz - ein Lehrbeispiel für Ausgeglichenheit, das jedem Statistikfan Tränen der Freude in die Augen treiben dürfte. Nur in Sachen Effizienz hatte Bursaspor am Ende die Nase vorn. "Man könnte sagen, wir haben das Glück des Tüchtigen gehabt", meinte Dogan. "Oder einfach Cameron Cabell." In der zweiten Halbzeit versuchte Galatasaraj, das Kommando zu übernehmen. Der junge Nesim Cimsir, gerade einmal 18 Jahre alt, kurbelte das Spiel aus dem Mittelfeld an, suchte immer wieder Veli Kurtulus und Alper Korkmaz in der Spitze. Die beiden Youngster wirbelten, doch der Ball wollte einfach nicht mehr ins Tor. Mal rettete Bursaspor-Keeper Niko Kraft spektakulär, mal fehlten wenige Zentimeter. Dann die 82. Minute: Gelb für Manuel Vaz nach rustikalem Foul an Cimsir - sinnbildlich für den wachsenden Druck der Hausherren. "Er hat halt den Ball gesucht, aber meinen Knöchel gefunden", scherzte Cimsir später. In der 88. Minute musste Bursaspor wechseln, weil Diego del Olmo sich verletzte. Samuel MacDougall kam neu - und brachte prompt frischen Wind. Vielleicht war es genau dieser kleine Impuls, der das Spiel kippte. Denn in der Nachspielzeit, als alle schon mit dem Unentschieden lebten, kam der Moment, der das Stadion verstummen ließ: Steiner trifft - und Galatasaraj bleibt fassungslos zurück. Carlo Colucci wirkte nach dem Abpfiff erstaunlich gefasst. "So ist Fußball", sagte er und zuckte mit den Schultern. "Wir haben viel richtig gemacht, aber eben nicht alles." Dann fügte er mit trockenem Lächeln hinzu: "Vielleicht sollten wir mal üben, wie man ein 1:1 über die Zeit bringt." Bursaspor feierte ausgelassen vor der Kurve. Cabell und Steiner umarmten sich, während Coach Dogan dem vierten Offiziellen erklärte, dass er "nie an ein Unentschieden geglaubt" habe. "Wir wussten, dass sich eine Chance ergibt", meinte er. "Und Daniel hat sie genutzt. In der 91. Minute brauchst du keine Taktik mehr - nur noch Mut." Am Ende blieb Galatasaraj nur der Trost, dass die junge Mannschaft phasenweise stark aufspielte. 18-Jährige, die das Mittelfeld dirigieren, 21-Jährige, die treffen - die Zukunft sieht rosiger aus als das Ergebnis vermuten lässt. Doch an diesem Abend hatte Erfahrung das letzte Wort. Oder, wie es ein Fan beim Verlassen des Stadions murmelte: "Wir haben Jugend forscht gespielt - und Bursaspor hat die Doktorarbeit geschrieben." Ein bitterer, aber lehrreicher Abend für Galatasaraj. Und ein süßer Triumph für Bursaspor, das mit Mut, Geduld und einem Quäntchen Frechheit drei Punkte aus Istanbul entführte. 11.04.643994 01:28 |
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Mario Basler