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Wenn ein Fußballspiel das Herz eines neutralen Zuschauers höher schlagen lässt, dann war es dieses: Der SC Aarau entführt beim 2:3-Sieg in Biel drei Punkte - und das in einem Finale, das Hitchcock Ehre gemacht hätte. 32.000 Fans im Stade Gurzelen sahen eine Partie, die von Emotionen, vergebenen Chancen und einer Mischung aus jugendlicher Unbekümmertheit und altgedienter Cleverness lebte. Schon in den ersten Minuten war klar: Aarau wollte. Offensive Ausrichtung, aggressives Pressing - Hans Meyers Elf spielte, als müsse sie eine persönliche Rechnung begleichen. Und tatsächlich, in der 20. Minute zappelte der Ball das erste Mal im Netz. Der 19-jährige Ronald Sturm, dessen Nachname offenbar Programm ist, zog aus 20 Metern ab, nachdem Lauritz Houghtailing ihm den Ball perfekt vorgelegt hatte. Biel-Torhüter Amaury Viqueira streckte sich vergeblich - 0:1. Doch wer dachte, Biel würde in Schockstarre verfallen, kannte Thierry Reuter nicht. Der 34-jährige Routinier, der schon Tore erzielte, als sein Gegenspieler noch Kleinfeld spielte, schlug doppelt zurück. Erst in der 32. Minute nach schöner Vorarbeit von Guy Grenier, dann nur sechs Minuten später, als Marco Forque ihn mit einem butterweichen Pass bediente. Zwei Chancen, zwei Tore. "Ich hab einfach gemacht, was ich immer mache - draufhauen und hoffen, dass er reingeht", grinste Reuter später mit einem Augenzwinkern. Mit 2:1 ging es in die Pause, und die Stimmung in Biel glich einem kleinen Volksfest. Trainer Hans Meyer von Aarau verschwand jedoch trotz des Rückstands erstaunlich ruhig in die Kabine. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn wir schon so viele Torschüsse haben, dann darf auch mal einer reingehen", erzählte er später trocken. Und er sollte recht behalten. Aarau schoss im gesamten Spiel 15 Mal aufs Tor - Biel gerade einmal sechs Mal. Doch bis weit in die zweite Halbzeit hinein blieb der Ausgleich aus. Biel verteidigte kompakt, mit 51 Prozent Ballbesitz hielten sie das Geschehen erstaunlich gut unter Kontrolle, auch wenn die Zweikampfquote mit 45 Prozent zu wünschen übrig ließ. In der 62. Minute brachte Meyer frische Kräfte - Henri Brand ersetzte Youngster Ralph Krieger. "Der Junge hat in der ersten Halbzeit so viel gelaufen, dass selbst mein Fitnesscoach erschöpft war", witzelte Meyer nach dem Spiel. Dann kam die Schlussphase, und sie hatte alles, was ein Drehbuchautor lieben würde. In der 89. Minute verwertete Johann Jaeger eine präzise Flanke von Andreas Pfeiffer - 2:2. Der Jubel im Gästeblock war ohrenbetäubend. Biel wirkte plötzlich wie ein Boxer, der nach Punkten führt, aber in der letzten Runde die Deckung fallen lässt. Und dann, 92. Minute: Inigo Gonzalo, der bis dahin unauffällige Mittelfeldlenker, fasste sich ein Herz. Patrick Franz legte quer, Gonzalo zog ab - und das Leder zischte unhaltbar in den Winkel. 2:3. Ein Treffer, der selbst den neutralsten Zuschauer aufspringen ließ. "Ich hab einfach geschossen, weil keiner sonst wollte", lachte Gonzalo später. Trainer Meyer dagegen blieb stoisch: "Wir haben dran geglaubt. Und wenn man dran glaubt, dann darf man das auch genießen." Biels Coach - der Name blieb an diesem Abend weniger in Erinnerung als sein Blick in der Nachspielzeit - stand minutenlang regungslos an der Seitenlinie. Der Sieg schien schon sicher, dann riss ihn Aaraus jugendliche Angriffslust aus allen Träumen. Während sich Aarau ausgelassen vor den Fans feierte, verließen die Bieler Spieler den Platz mit hängenden Köpfen. Nur einer blieb gelassen: Doppeltorschütze Reuter. "So ist Fußball", sagte er, "manchmal gewinnst du, manchmal bist du das Beispiel im nächsten Taktikseminar." Statistisch betrachtet war Aarau der verdiente Sieger: mehr Torschüsse, mehr Zweikämpfe gewonnen, am Ende auch mehr Tore. Und doch - wer die erste Halbzeit gesehen hatte, wer das Zittern und Hoffen der 32.000 gespürt hat, der weiß: Biel war nur wenige Minuten vom perfekten Abend entfernt. Vielleicht wird man in Biel noch lange über diese Nachspielzeit sprechen. Über den Moment, als die Uhr schon fast abgelaufen war und Aarau trotzdem nicht aufhörte zu rennen. Über den jungen Ronald Sturm, der den Anfang machte, und den abgeklärten Gonzalo, der das Ende schrieb. Und irgendwo, zwischen Flutlicht und Frust, hörte man einen Fan seufzen: "Wenn wir schon verlieren müssen, dann wenigstens so spektakulär." Genau so war es. Ein Spiel, das keiner vergessen wird - und das beweist, dass Fußball manchmal wirklich ein bisschen verrückt ist. 03.05.643987 07:20 |
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Schwach wie eine Flasche leer!
Giovanni Trappatoni