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Wenn man 58 Prozent Ballbesitz hat, 27.000 Zuschauer im eigenen Stadion hinter sich weiß und trotzdem 1:2 verliert, dann darf man sich bei CD La Plata ruhig mal fragen, ob der Fußballgott nicht heimlich Tucuman-Fan ist. Am 18. Spieltag der argentinischen Primera División bewiesen die Gäste vom FC Tucuman, dass man auch mit weniger Ballbesitz (nur 41 Prozent) und viel Geduld ein Spiel gewinnen kann - und das mit einer Abgeklärtheit, die fast schon unverschämt wirkte. Es begann alles so hoffnungsvoll für die Hausherren. Bereits in der Anfangsphase drückte La Plata aufs Tempo, ließ den Ball laufen, als hätten sie ihn auf Raten gekauft. Javier Veloso prüfte in der 6. Minute Tucumans Torhüter Pedro Expósito, und auch Felipe Figueras wagte kurz darauf einen Versuch. Doch der Ball wollte einfach nicht ins Netz. "Wir haben uns schön durchkombiniert - aber anscheinend bis zum Torabschluss vergessen, dass man auch mal schießen darf", knurrte La-Plata-Trainer (dessen Name man nach dieser Partie wohl lieber nicht nennt). Dann kam die 34. Minute - und Tucuman schlug zu. Bradley Gayheart, der linke Flügelflitzer mit der Ballbehandlung eines Tangotänzers, nahm eine butterweiche Flanke von Matteo Martino direkt und jagte das Leder unhaltbar in den Winkel. 0:1 - aus heiterem Himmel. Gayheart grinste später: "Ich wollte eigentlich flanken, aber der Ball hat beschlossen, schöner zu sterben." Nur drei Minuten später brandete Jubel im Estadio de La Plata auf: Nuri Kaynak glich nach feiner Vorarbeit von Pedro Chalana aus. Der türkischstämmige Mittelfeldmann riss die Arme hoch und schrie seine Freude in den Nachthimmel. "Ich hab einfach draufgehalten", erklärte er danach bescheiden, "und diesmal ist er nicht über die Tribüne geflogen." Der Pausenstand: 1:1 - alles offen, alles möglich. Doch Tucuman kam aus der Kabine, als hätte Trainer Justin Moller ihnen in der Halbzeit Mate-Tee mit Espresso serviert. Nur drei Minuten nach Wiederanpfiff köpfte Innenverteidiger William Leblanc nach einer Ecke von - natürlich - Martino zum 1:2 ein. Ein Abwehrspieler als Matchwinner? "Ich hab schon in der Jugend gesagt: Manchmal muss der Fels in der Brandung auch mal surfen", witzelte der 33-Jährige später. La Plata rannte an, kombinierte, dominierte - aber die Gäste verteidigten mit Cleverness und einer Portion Zynismus, die jeder italienischen Abwehrschule Ehre gemacht hätte. Tucuman lauerte auf Konter, schoss insgesamt 18-mal aufs Tor (La Plata nur 6-mal) und zwang Keeper Amaury Antunes zu einigen Glanzparaden. In der 61. Minute dann Schrecksekunde: La-Plata-Verteidiger Joao Vega verletzte sich bei einem Klärungsversuch am Knöchel und musste raus. Vitor Carcedo kam - und brachte zwar frischen Bart, aber wenig Stabilität. Trainer Moller blieb an der Seitenlinie erstaunlich gelassen. "Wir spielen unser Spiel, egal wer den Ball hat", murmelte er, während er mit Sonnenbrille und verschränkten Armen dastand, als sei er auf einem Casting für einen Mafiafilm. Seine Mannschaft folgte dem Plan: kompakt stehen, schnell umschalten, La Plata mürbe machen. Die Gastgeber hingegen wirkten zunehmend ratlos. Die Fans pfiffen, einige schwenkten weiße Taschentücher - nicht aus Protest, sondern um dem Team Luft zuzufächeln. In der 77. Minute hätte Lucas Fraser alles klar machen können, doch Antunes rettete spektakulär. "Er hat heute Bälle gehalten, die eigentlich schon im Netz waren", lobte selbst Moller nach Abpfiff. In der Schlussphase versuchte La Plata noch einmal alles. Figueras stürmte, Chalana fluchte, Kaynak schoss - aber Tucumans Abwehrmauer hielt. Als Schiedsrichter Ruiz endlich abpfiff, jubelten die Gäste, als hätten sie die Meisterschaft gewonnen. Statistisch gesehen war La Plata das bessere Team in fast jeder Kategorie - außer in der entscheidenden. Tucuman hatte weniger Ballbesitz, weniger Pässe, aber mehr Torgefahr, mehr Mut und vor allem: mehr Effizienz. "Wir wollten nicht schön gewinnen", sagte Moller mit einem schiefen Grinsen, "wir wollten überhaupt gewinnen." Und das taten sie. La Plata dagegen bleibt nur die Erkenntnis, dass Ballbesitz allein keine Punkte bringt - und dass ein Innenverteidiger namens Leblanc manchmal mehr Schlagkraft besitzt als drei Stürmer zusammen. Oder, wie ein enttäuschter Fan beim Verlassen des Stadions murmelte: "Wenn Schönheit Tore schießen würde, hätten wir 5:0 gewonnen." Ein bitterer, aber ehrlicher Abend in La Plata. 15.08.643987 17:02 |
Sprücheklopfer
Ich sehe einen positiven Trend: Tiefer kann es nicht mehr gehen.
Olaf Thon