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Wenn 38.738 Menschen an einem kalten Februarabend nach Guingamp pilgern, dann erwartet man Kampf, Leidenschaft und vielleicht ein bisschen Chaos. Genau das bekamen sie - und noch mehr. Der AC Guingamp besiegte Montpellier nach einer wilden Partie mit 3:2 (1:1) und machte damit den 11. Spieltag der französischen Zweitliga-Saison zu einem kleinen Fußballfest zwischen Genie und Wahnsinn. Schon nach zehn Minuten roch es nach Ärger für die Hausherren: Montpelliers Mittelfeldmotor Gökhan Önüt zog aus 18 Metern ab, und der Ball zischte unhaltbar für Torhüter Rui Marques ins rechte Eck. "Ich hab einfach draufgehauen. Wenn du triffst, bist du der Held, wenn nicht, schimpfen sie über deinen Frisör", grinste Önüt nach dem Spiel. Guingamp wirkte in dieser Phase nervös, die Gäste kontrollierten mit fast 60 Prozent Ballbesitz das Geschehen. Doch kurz vor der Pause zeigte sich, dass Statistiken keine Tore schießen. Daniel Borreguero, der Routinier im Mittelfeld, nutzte in der 43. Minute eine Unachtsamkeit in Montpelliers Abwehr und drosch den Ball kompromisslos zum 1:1 unter die Latte. Trainer Berti Bertilsson schlug an der Seitenlinie die Hände über dem Kopf zusammen - aus Begeisterung. "Ich wollte eigentlich ’ruhig bleiben’ rufen, aber meine Stimme war schon weg", gestand der Schwede später lachend. Nach dem Seitenwechsel drehte sich das Spiel komplett. Guingamps junger Rechtsaußen David Weyenberg, 23 Jahre und mit der Spritzigkeit eines Espresso auf zwei Beinen, wurde zum Albtraum der Gäste. In der 50. Minute netzte er nach feiner Vorarbeit von Gudmund Schmidt zum 2:1 ein. Nur 15 Minuten später wiederholte er das Kunststück - diesmal ohne Umweg über einen Mitspieler. "Ich dachte, warum nicht gleich nochmal?", witzelte Weyenberg, der sich nach Abpfiff noch minutenlang feiern ließ. Montpellier zeigte sich geschockt, kam aber zurück. In der 82. Minute flankte Jacques La Barre butterweich von links, und Leandro Cortes köpfte zum 3:2-Anschlusstreffer ein. Trainer Bertilsson sah in diesem Moment alles andere als entspannt aus. "Ich hab die Uhr angeschrien. Sie sollte schneller laufen. Hat nicht geholfen." Und als wäre die Schlussphase nicht schon spannend genug gewesen, sah Guingamps Youngster Yves Lenentine in der 84. Minute Gelb-Rot - und das nach seiner ersten Verwarnung in der 17. Minute. "Das war jugendlicher Überschwang. Er dachte wohl, der Schiedsrichter habe die erste Karte vergessen", kommentierte sein Coach trocken. Ab diesem Moment war es ein Spiel auf Messers Schneide: Montpellier drückte mit aller Macht, Guingamp verteidigte mit allem, was Beine hat. Die Gäste feuerten noch drei Torschüsse ab, doch Keeper Rui Marques, sonst eher der leise Typ, brüllte seine Vorderleute wie ein Feldherr zusammen. In der 89. Minute parierte er spektakulär gegen Herbert Schrader - und rettete so den Sieg. "Ich wollte einfach nicht, dass wir wieder einen dieser typischen Guingamp-Momente haben", sagte der Torhüter mit einem Augenzwinkern. Am Ende standen 13 Torschüsse für Guingamp, 10 für Montpellier - und ein Ergebnis, das die Tabellenlage spannender macht, als sie es Bertilsson lieb wäre. "Wir haben 40 Prozent Ballbesitz gehabt und trotzdem gewonnen. Vielleicht sollten wir den Ball einfach öfter hergeben", scherzte er in der Pressekonferenz. Montpelliers Trainer wirkte weniger amüsiert. "Wir hatten das Spiel im Griff, aber Fußball ist kein Excel-Sheet", knurrte er, ehe er sich wortlos in die Kabine verabschiedete. Guingamp feierte derweil ausgelassen. Der eingewechselte Gerard Closson tanzte mit den Balljungen, Weyenberg ließ sich von den Fans auf den Schultern tragen, und Borreguero verteilte Umarmungen, als hätte er gerade die Weltmeisterschaft gewonnen. Ein Reporter fragte ihn, ob das Team nun nach oben schiele. "Wir schauen maximal bis zur nächsten Trainingseinheit", antwortete er mit schelmischem Grinsen - und verschwand in der Katakombe, wo vermutlich schon die Musik dröhnte. Fazit: Ein Abend voller Dramatik, Emotion und leichtem Wahnsinn. Guingamp gewinnt glücklich, aber nicht unverdient, weil sie das Herz auf dem Platz gelassen haben. Und Montpellier? Die fahren heim mit der Erkenntnis, dass Ballbesitz zwar schön ist - Tore aber schöner. Oder, wie es ein Fan auf der Tribüne rief, als Schiedsrichter Leclerc endlich abpfiff: "Das war kein Fußballspiel - das war eine Achterbahnfahrt!" 22.09.643990 21:28 |
Sprücheklopfer
Wenn ich heute Kapitän bin und das Schiff sinkt, alle müssen helfen, dann kann doch der Koch nicht kommen und sagen: 'Ich kann nur die Bratpfanne halten.'
Otto Rehhagel