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Ein lauer Abend, 50.450 Zuschauer, und ein Stadion, das zur Pause noch vibrierte - am Ende aber in betretenes Schweigen verfiel. Guacamayo Azogues unterlag am 7. Spieltag der 1. Liga Ecuador den Estudiantes Quito mit 1:2 (1:0). Ein Spiel, das wie ein Lehrbuchkapitel über vertane Chancen und eiskalte Gäste wirkte. Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen. Guacamayo-Trainer Karsten Rieger schickte seine Elf im offensiven 4-3-3 auf den Platz - mutig, fast übermütig. "Wir wollten zeigen, dass wir auch gegen Quito nicht nur den Ball tragen, sondern auch Tore machen können", erklärte Rieger später mit einem bitteren Lächeln. Und tatsächlich: in der 42. Minute brach Silvestre Lope den Bann. Nach einer feinen Kombination über Zoran Dukic zog der zentrale Mittelfeldmann trocken ab - 1:0! Das Stadion tobte, Rieger ballte die Faust, und irgendwo auf der Tribüne rief ein Fan: "So spielt man Fußball in Azogues!" Die Statistik sprach zur Pause für die Hausherren: 51 Prozent Ballbesitz, acht Abschlüsse, mehr Zug zum Tor - und ein Gegner, der bis dahin kaum gefährlich wurde. Doch Estudiantes-Coach Oliver Bielefeld hatte in der Kabine offenbar die richtigen Worte gefunden, vielleicht auch die richtige Lautstärke. "Ich habe ihnen gesagt, sie sollen endlich Fußball spielen", grinste er nach dem Spiel. "Und siehe da - sie haben’s tatsächlich getan." Kaum lief die zweite Halbzeit, da kippte die Partie. Ethan Colquhoun, der bullige Mittelstürmer der Gäste, kam in der 61. Minute nach feinem Zuspiel von Mario Nani frei zum Schuss und hämmerte den Ball ins Netz - 1:1. Guacamayos Torhüter Amaury Dieguez streckte sich vergeblich, die Estudiantes-Bank explodierte. Es war der Moment, an dem sich die Stimmung drehte. Nur neun Minuten später dann der endgültige Stich ins Herz der Heimmannschaft: Thomas Beier, der zuvor mehrfach gescheitert war, traf endlich - wuchtig, kompromisslos, nach einem langen Ball von Innenverteidiger Jorge Cabrero. 2:1 für Quito, und das trotz leichtem Ballbesitz-Nachteil. Während Rieger wild gestikulierend an der Seitenlinie stand, murmelte ein Ordner in Richtung Pressebank: "Wenn man so verteidigt, hilft auch der liebe Fußballgott nicht mehr." Guacamayo versuchte danach, wieder Struktur zu finden, aber das Spiel glitt ihnen durch die Finger wie nasser Sand. Lope, der Torschütze, holte sich in der 71. Minute noch Gelb ab, als er aus Frust einen Gegenspieler von den Beinen holte. Zwei Minuten zuvor hatte schon Thijs Derrick die Gelbe gesehen - ein Sinnbild für den wachsenden Unmut der Gastgeber. Die letzten Minuten wurden zu einem Anrennen ohne Plan: ein Schuss von Duarte Fernandes (75.), einer von Lope (80.) - beide zu zentral, beide sichere Beute für Estudiantes-Keeper Luca Behrens. Am Ende standen 10 Torschüsse für Azogues, 16 für Quito - und ein Ergebnis, das die Gäste jubeln ließ. "Wir haben Charakter gezeigt", meinte Doppeltorschütze Beier, der in Wahrheit nur eines gemacht hatte, aber in der Euphorie wohl den Überblick verlor. Sein Trainer Bielefeld klopfte ihm lachend auf die Schulter: "Hauptsache, du triffst wenigstens einmal, Thomas." Rieger hingegen wirkte nachdenklich. "Wir haben das Spiel in zehn Minuten verloren", sagte er leise. "Vielleicht haben wir gedacht, das 1:0 reicht. Aber gegen so eine Mannschaft reicht das nie." Seine Spieler standen derweil mit hängenden Köpfen vor der Fankurve, die sie trotz der Niederlage mit Applaus verabschiedete. Ein paar Pfiffe mischten sich darunter - aber eher enttäuschte Zuneigung als echte Wut. Ein kleiner Junge mit Guacamayo-Schal rief seinem Idol Lope zu: "Nächstes Mal machst du zwei!" Der grinste, hob den Daumen und verschwand im Spielertunnel. Vielleicht war das der ehrlichste Moment des Abends. Fazit: Guacamayo Azogues spielte gefällig, Estudiantes Quito spielte effektiv - und das ist im Fußball bekanntermaßen die Währung, die zählt. 1:2, drei Punkte für Quito, und ein Abend, an dem die Gastgeber wieder einmal lernten, dass Schönheit allein keine Spiele gewinnt. Oder, wie ein Kollege auf der Pressetribüne trocken bemerkte: "Guacamayo hatte den Ball, Quito hatte den Plan." 29.03.643987 13:54 |
Sprücheklopfer
In der Schule gab's für mich Höhen und Tiefen. Die Höhen waren der Fußball.
Thomas Häßler