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Ein lauer Abend in Azogues, 42.598 Zuschauer und eine Heimmannschaft, die offenbar beschlossen hatte, Fußball als Kunstform neu zu interpretieren. Guacamayo Azogues fegte AD Portoviejo mit 3:0 vom Platz - und das schon zur Pause. Danach war es eher ein gepflegter Trainingsabend mit Ballbesitzstatistik. Trainer Karsten Rieger grinste nach Abpfiff so breit wie sein Außenverteidiger läuft: "Ich hab den Jungs gesagt, sie sollen Spaß haben. Offenbar haben sie mich zu wörtlich genommen." Spaß hatten sie tatsächlich, vor allem in den ersten 45 Minuten. Schon in der 32. Minute eröffnete Bernardo Villar den Torreigen, nachdem Zoran Dukic von rechts einen Ball so präzise in den Strafraum zirkelte, dass Villar nur noch den Fuß hinhalten musste. 1:0 - und die Tribüne bebte. Zwei Minuten später durfte auch Mittelstürmer Pal Titkos jubeln. Wieder kam die Vorlage von Dukic, der an diesem Abend offensichtlich beschlossen hatte, dass Flanken sein Lebenswerk sind. Titkos’ Kopfball war eine Demonstration der Schwerkraft - steil nach unten, unhaltbar. Und als wäre das nicht genug, setzte José Travassos in der 40. Minute den Schlusspunkt unter eine erste Halbzeit, die Portoviejo wohl am liebsten vergessen würde. Nach Doppelpass mit Titkos schob der Rechtsaußen trocken ein. 3:0 - und das Publikum hatte kaum Zeit, Bier nachzubestellen. "Wir waren in der ersten Halbzeit einfach nicht auf dem Platz", murmelte AD-Portoviejo-Kapitän Vincent Oliveira später in die Mikrofone. "Ich glaube, ich habe den Ball öfter im Netz gesehen als an meinem Fuß." Das war keine Übertreibung. Zwei kümmerliche Torschüsse brachte Portoviejo zustande - beide in der ersten Halbzeit, beide so harmlos, dass Guacamayo-Keeper Amaury Dieguez vermutlich nicht einmal sein Trikot waschen musste. Die Statistik liest sich entsprechend deutlich: 25 Schüsse aufs Tor für Azogues, 55,5 Prozent Ballbesitz, eine Tacklingquote von knapp 60 Prozent. Die Gäste hielten dagegen - zumindest mit Gelben Karten. Bruno Vázquez sah in der 70. Minute Gelb, offenbar aus purer Verzweiflung, doch auch Guacamayo verteilte kleine Geschenke: Leandro Aguas (11.), Xabi Izquierdo (16.) und Zoran Dukic (54.) standen auf der Liste des Schiedsrichters. Nach der Pause passierte das, was in solchen Spielen meistens passiert: Das Heimteam schaltete einen Gang runter, Portoviejo fehlte der Mut, die Gastgeber der Lust aufs Risiko. Nur die Fangesänge hielten das Stadion in Bewegung. "Wir wollten das Ergebnis verwalten, nicht noch in Schönheit sterben", sagte Rieger mit einem Augenzwinkern. "Außerdem war Pal schon müde vom Jubeln." Besagter Pal Titkos, 25 Jahre jung und in Galaform, gab sich nach dem Spiel bescheiden: "Die Vorlage von Zoran war so gut, ich hätte den Ball gar nicht verfehlen können. Wenn ich’s trotzdem geschafft hätte, hätte mich der Trainer wohl zu den Zuschauern gesetzt." Lachen im Presseraum - und ein Nicken von Dukic, der an diesem Abend zwei Assists und eine Gelbe Karte sammelte. Bei AD Portoviejo dagegen hingen die Köpfe. Trainer Marco Luján (der es vorzog, keine allzu langen Antworten zu geben) wirkte, als wolle er das Spielfeld noch einmal nach einem Fluchtweg absuchen. "Wir hatten einen Plan", murmelte er, "aber der Plan hatte wohl keinen Ballkontakt." Dabei war die Ausgangslage gar nicht so schlecht: Beide Teams traten mit offensiver Ausrichtung an, zumindest laut den taktischen Datenblättern. Doch während Guacamayo Azogues das Offensivspiel in flüssige Kombinationen übersetzte, blieb Portoviejo bei der Idee stehen. Ihr Offensivkonzept: Hoffnung. Ihre Defensive: höfliche Einladung. Die Zuschauer dagegen bekamen, was sie wollten - schönen, schnellen Fußball und ein Heimteam, das in Spiellaune war. Als der Schlusspfiff ertönte, brandete Applaus auf, als wäre gerade ein Pokal gewonnen worden. "Wir sind noch lange nicht da, wo wir hinwollen", kommentierte Trainer Rieger zum Abschied, "aber wenn wir so weitermachen, wird’s ein ziemlich schöner Ort." Und so verließ das Publikum das Stadion in Azogues mit einem Lächeln - nicht nur über das 3:0, sondern auch über die Leichtigkeit, mit der Guacamayo an diesem Abend spielte. Portoviejo dagegen wird wohl noch ein paar Trainingseinheiten brauchen, um herauszufinden, wie man einen Ball über die Mittellinie bringt. Fazit: Guacamayo Azogues spielt wie ein Team, das weiß, was es will - und AD Portoviejo wie eines, das es vergessen hat. 3:0, klare Sache, verdienter Sieg. Und irgendwo in der Kabine summt sicher jemand: "So macht Fußball Spaß." 28.06.643987 05:35 |
Sprücheklopfer
In der Schule gab's für mich Höhen und Tiefen. Die Höhen waren der Fußball.
Thomas Häßler