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Das war kein Champions-League-Abend für schwache Nerven, sondern einer für hartgesottene Fußballromantiker - zumindest, wenn sie es mit Giannina halten. Die Griechen (oder besser: die Offensivkünstler aus dem Süden Europas) zerlegten den SV Waidhofen aus Österreich am Mittwochabend mit 4:1 und feierten einen Start nach Maß in die Gruppenrunde. 40.000 Zuschauer sahen im Waidhofener Stadion, wie der Unterschied zwischen Effizienz und Anlaufproblemen buchstabiert wird: F-R-A-N-C-K Rochefort. Der französische Mittelstürmer Gianninas brauchte keine drei Minuten, um den Gastgebern den Schlafsand aus den Augen zu schießen. Nach perfektem Zuspiel von Glenn Verbeke schob Rochefort trocken ein - 0:1, kaum war der Anstoß verklungen. "Ich dachte ehrlich, der Schiedsrichter will den Ball nochmal zurückpfeifen, so schnell war das", stöhnte Waidhofens Torhüter Marco Platania später. Waidhofen schüttelte sich kurz, dann kam Leben in die blau-weißen Reihen. In der 14. Minute war es Stefano Arcella, der nach einem wilden Flankenwechsel die Nerven behielt und per platziertem Schuss das 1:1 erzielte. Der Jubel der Heimfans: laut, ehrlich, kurz. Denn danach bestimmten die Gäste das Geschehen - auch wenn Waidhofen mit 53 Prozent Ballbesitz optisch mehr vom Spiel hatte. "Ballbesitz ist schön, Tore sind schöner", grinste Giannina-Coach Kai Häntsch nach dem Abpfiff. Seine Elf bewies das eindrucksvoll. Zwar verletzte sich Mittelfeldmann Glenn Verbeke schon nach zehn Minuten und musste für den Routinier Diego Assis weichen, doch Giannina blieb unbeeindruckt. Ihre offensive Ausrichtung - durchgehend "Offensive" in der Taktiktafel - machte sich bezahlt. Nach der Pause drehte Jack Sutherland auf. Der bullige Rechtsaußen, bisher eher unauffällig, verwertete in der 53. Minute eine butterweiche Flanke von Joao Morte zur erneuten Führung. Waidhofens Trainerin Brigitte Temmel trommelte an der Seitenlinie, rief "Bleibt ruhig!", aber da war es schon zu spät. Nur sechs Minuten später servierte Rui Bosingwa einen Pass der Kategorie Zucker, Rochefort sagte höflich "Danke" und machte seinen Doppelpack perfekt - 1:3. Die Hausherren versuchten es mit jugendlicher Unbekümmertheit: Der 17-jährige Stephan Frei und sein gleichaltriger Teamkollege Jan Krueger rannten, kämpften, stolperten. Doch es half nichts. Giannina spielte abgeklärt, lauerte auf Konter, und in der 90. Minute setzte Rochefort mit seinem dritten Treffer den Deckel drauf. Nach Vorlage von Rechtsverteidiger Günter Schlüter hämmerte er den Ball in die Maschen - 1:4, der Rest war Jubel, Verzweiflung, Schlusspfiff. "Ich hab einfach Spaß, wenn der Ball mich liebt", sagte Rochefort später mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen Arroganz und kindlicher Freude pendelte. Drei Tore, vier Küsse für die Fans - der Mann wusste, wo’s langgeht. Waidhofen indes suchte Trost in Statistiken. Mehr Ballbesitz, sieben Torschüsse, zwei Gelbe Karten (Wimmer in der 7., Tellez in der 50.) - aber kein Glück. "Wir haben nicht schlecht gespielt, aber wir waren brav. Zu brav", bilanzierte Trainerin Temmel. "In dieser Liga musst du auch mal dreckig gewinnen wollen." Das Publikum nahm’s sportlich. Einige applaudierten den Gästen, andere winkten müde ab. Auf der Tribüne hörte man einen älteren Fan murmeln: "Früher hätten wir so einen Franzosen einfach umgelegt." Sein Enkel daneben grinste: "Dann wär’s halt 0:3 ausgegangen." Giannina hatte am Ende 14 Torschüsse, Waidhofen nur die Hälfte. Das Tackling-Verhältnis (52,6 Prozent für die Gäste) unterstreicht, dass auch im Zweikampf mehr Entschlossenheit da war. Von Pressing hielt übrigens keines der Teams viel - laut Daten spielte niemand aktiv drauf. Man könnte sagen: Es war ein Abend, an dem die Statistik lügt. Denn wer vier Tore schießt, braucht kein Pressing. "Das Ergebnis ist bitter, aber kein Weltuntergang", fasste Torwart Platania zusammen. "Wenn Rochefort nächste Woche Grippe kriegt, sieht die Welt schon anders aus." Ein Satz, der in Waidhofen wohl als Hoffnung durchgeht. Zum Abschied klatschte Brigitte Temmel ihre Spielerinnen und Spieler ab, lächelte tapfer und murmelte: "So, und jetzt alle auf die Laufbahn - Sprinttraining. Vielleicht erwischen wir beim Rückspiel mal einen von denen." Ein Abend mit klarer Ansage: Giannina ist gekommen, um zu bleiben - und Waidhofen weiß nun, wie Champions-League-Tempo klingt. Laut, gnadenlos und dreifach französisch. 09.04.643987 06:37 |
Sprücheklopfer
Im Vergleich zu den Artikeln, die sie schreiben, sind die Märchen aus Tausendundeiner Nacht empirische Untersuchungen.
Christoph Daum über türkische Sportjournalisten