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Es war ein lauer Januarabend am Genfersee, aber die 44.170 Zuschauer im Stade de la Praille erlebten alles andere als ein laues Spiel. Der FC Genf hatte den FC Oberwallis zu Gast, und nach einer ersten Halbzeit, in der die Hausherren alles im Griff zu haben schienen, drehte sich die Partie nach der Pause wie ein Winterwind aus den Bergen: kalt, scharf und unbarmherzig. Am Ende stand es 1:2 - ein Ergebnis, das Genf schmerzen dürfte, Oberwallis dagegen jubeln ließ. Schon früh deutete sich an, dass Genf mit Offensivdrang in die Partie ging. Trainer Pascal Meyer hatte seine Mannschaft offensiv ausgerichtet, die Flügelspieler preschten immer wieder vor, als ginge es um einen Schönheitswettbewerb für Steilpässe. In der 16. Minute nutzte Hugo Pauleta eine präzise Vorlage von Innenverteidiger Enrique Delgado, der sich offenbar kurzzeitig als Spielmacher fühlte. Pauleta zog von links in den Strafraum und traf flach ins rechte Eck - 1:0. Der Jubel war groß, die Genfer Fans sangen, und Meyer klatschte an der Seitenlinie, als hätte er gerade den Champions-League-Titel gewonnen. "In der ersten Halbzeit haben wir genau das gespielt, was wir uns vorgenommen hatten", sagte Meyer später. "Kurzpässe, Druck über die Flügel, viel Bewegung - das war richtig gut." Tatsächlich: 52 Prozent Ballbesitz, 13 Torschüsse, alles sprach für die Genfer. Doch Fußball wäre kein Fußball, wenn er nicht die zweite Halbzeit erfunden hätte. Oberwallis kam verändert aus der Kabine - nicht nur personell, sondern auch mental. Trainer Snore Laken, sonst eher ein Mann mit der emotionalen Bandbreite eines Kühlschranks, hatte offenbar die richtigen Worte gefunden. Er brachte den 21-jährigen Detlev Langlois im Sturm und den erfahrenen Laurent Castel im Mittelfeld. "Ich habe ihnen gesagt, sie sollen einfach mal so tun, als würden sie Spaß haben", grinste Laken nach dem Spiel. Offenbar half’s. In der 57. Minute traf Felix Ritter zum Ausgleich. Nach einem schönen Zuspiel von Rechtsverteidiger Adriano Xavier zog Ritter aus 18 Metern ab - präzise, trocken, unhaltbar. Genf war geschockt, das Publikum verstummte kurz, und Torhüter Javier Esteve suchte mit den Händen in der Luft nach einer Erklärung. Der FC Genf versuchte zu reagieren, brachte in der 45. Minute (ja, schon zur Pause) zwei blutjunge Talente - Pascal Kirchner und Joseph Schlegel, beide 17 Jahre alt. Kirchner zeigte in der 67. Minute einen beherzten Schuss, der allerdings mehr in Richtung Seeufer als ins Tor flog. "Ich war so nervös, ich hab den Ball kaum gesehen", gestand der Teenager später mit einem schiefen Lächeln. Oberwallis dagegen witterte seine Chance. In der 71. Minute fiel die Entscheidung: Ritter, der schon den Ausgleich erzielt hatte, bediente diesmal Langlois. Der junge Stürmer, kaum 26 Minuten auf dem Platz, nahm den Ball direkt - 2:1. Ein Treffer wie aus dem Lehrbuch: simpel, mutig, effektiv. Genf warf in der Schlussphase alles nach vorn, die Taktik blieb unverändert offensiv, das Pressing wurde schließlich aktiviert, als stünde das Überleben des Vereins auf dem Spiel. Doch trotz zahlreicher Schüsse - darunter ein wilder Versuch des eingewechselten Schlegel in der 94. Minute - blieb das Tor wie vernagelt. "Wir hatten mehr vom Spiel, mehr Chancen - aber Fußball ist kein Schönheitswettbewerb", sagte Kapitän Rene LaClaire mit bitterem Unterton. Oberwallis-Keeper Grigorios Christopoulos, der in der ersten Halbzeit ein paar Schwierigkeiten mit hohen Bällen hatte, wuchs in der Schlussphase über sich hinaus. "Ich dachte, ich sei im falschen Film", grinste er. "Plötzlich war jeder Ball auf mich gerichtet - und keiner drin." Zwei Gelbe Karten für Oberwallis - Lars Wegner (14.) und Adriano Mendes (69.) - blieben die einzigen disziplinarischen Auffälligkeiten. Insgesamt war es ein faires Spiel, wenn auch eines mit klaren Wendepunkten. Statistisch gesehen war Genf leicht überlegen: mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, bessere Zweikampfquote. Aber auf der Anzeigetafel zählt eben nur eines - die Tore. "Wir haben in der Pause einfach beschlossen, das Spiel zu gewinnen", erklärte Oberwallis-Coach Laken trocken. "Und manchmal reicht das." Ein bisschen Sarkasmus lag in der Luft, als Pascal Meyer später vor die Presse trat. "Vielleicht sollten wir künftig nur eine Halbzeit spielen. Die erste liegt uns besser." Am Ende bleibt die Erkenntnis: Wer seine Chancen nicht nutzt, wird vom pragmatischen Fußballgott bestraft. Der FC Oberwallis entführt drei Punkte aus Genf - und der FC Genf bleibt mit der Frage zurück, wie man ein gutes Spiel trotzdem verlieren kann. Oder, wie ein Fan auf der Tribüne seufzte: "Das war kein Drama. Das war Genf." 16.11.643987 00:19 |
Sprücheklopfer
Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser.
Franz Beckenbauer