// Startseite
| Fanatik |
| +++ Sportzeitung für Türkei +++ |
|
|
|
Ein kühler Januarabend in Ankara, 32.019 Zuschauer im 19-Mai-Stadion, Flutlicht, Dampf aus den Atemwolken - und ein Fußballspiel, das zwar kein Offensivfeuerwerk bot, aber doch genug Gesprächsstoff für die Teepause am Montagmorgen lieferte. Genclerbirligi gewann am 5. Spieltag der 1. Liga Türkei mit 1:0 gegen Vestel SK. Das goldene Tor des Abends erzielte Axel Theunis in der 22. Minute - und zwar in bester Mittelstürmer-Manier. Es war eine Szene, die Trainer Abdullah Avci später als "ein Musterbeispiel für Disziplin und Timing" lobte. Julian Martins hatte auf der rechten Seite Platz, flankte halbhoch in den Strafraum, wo Theunis zwischen zwei Verteidigern auftauchte wie ein Phantom. Ein kurzer Blick, ein trockener Abschluss - und schon zappelte der Ball im Netz. Torhüter Albert Bushnell von Vestel SK schaute der Kugel nur hinterher, als wolle er fragen: "War der wirklich drin?" Ja, war er. Danach wurde es ein Spiel der verpassten Gelegenheiten - auf beiden Seiten. Genclerbirligi kontrollierte das Geschehen mit 57,6 Prozent Ballbesitz, während Vestel SK sich an Kontern versuchte, die oft in den Schuhen von Kai Köhler oder Jordan Vermeirsch endeten. Letzterer, eigentlich Innenverteidiger, schien in der zweiten Halbzeit auf seltsame Weise an einem Fernschuss-Wettbewerb teilzunehmen: Drei Abschlüsse aus gut 25 Metern - alle in etwa so gefährlich wie ein nasser Waschlappen. Trainer Kiri Watslos von Vestel SK sah das naturgemäß anders. "Wir hatten acht Torschüsse, mindestens zwei waren brandgefährlich. Uns fehlt nur das letzte bisschen Glück - und vielleicht ein Stürmer, der auch mal trifft", sagte er mit einem gequälten Lächeln. Seine Mannschaft agierte von Beginn an offensiv ausgerichtet, doch nach dem frühen Rückstand wirkte sie ideenlos, fast so, als hätte jemand das Drehbuch nach dem 25. Minute einfach verloren. Genclerbirligi hingegen spielte abgeklärt, vielleicht zu abgeklärt. "Wir wollten das Spiel kontrollieren, nicht riskieren", meinte Torschütze Theunis, der nach seinem Treffer im Übrigen so stoisch blieb, dass man vermuten konnte, er habe gerade einen Parkplatz gefunden, nicht ein Match entschieden. Sein Bruder Gilles Theunis im Tor hatte kaum Gelegenheit, sich auszuzeichnen - was er aber mit lautstarken Kommandos und einem spektakulären Hechtsprung in der 85. Minute kompensierte, als Vestels Sergi Teixeira einen Kopfball knapp neben das Tor setzte. Für den nötigen Pfeffer sorgte zwischendurch das gelbe Kartenspiel des Schiedsrichters: insgesamt fünf Verwarnungen, drei davon für die Gäste. Besonders der 17-jährige Peyami Adatepe dürfte den Abend so schnell nicht vergessen - nicht wegen seines Debüts, sondern wegen der Gelben Karte in der 40. Minute, nachdem er Hadis Tanman zu deutlich zeigte, dass Respekt vor Alter nicht seine Stärke ist. Tanman selbst sah später Gelb (74.) für ein taktisches Foul, das eher an eine Umarmung erinnerte. "Ich wollte nur sicherstellen, dass er nicht friert", scherzte der Mittelfeldspieler nach Abpfiff in der Mixed Zone. In der Schlussphase drückte Vestel SK auf den Ausgleich, aber die Gastgeber verteidigten clever, manchmal auch mit dem berühmten "zweiten Bein". Trainer Avci blieb an der Seitenlinie stoisch, während sein Gegenüber Watslos in der 88. Minute eine Wasserflasche so weit trat, dass sie vermutlich noch heute auf der Tartanbahn liegt. Die Statistik spricht eine klare Sprache: 10:8 Torschüsse, 52 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Genclerbirligi war in fast allen Belangen überlegen, wenn auch nur leicht. Aber oft reicht eben eine einzige Szene. "Fußball ist kein Schönheitswettbewerb, sondern eine Ergebnissportart", seufzte Avci, bevor er das Stadion verließ. Vestel SK dagegen muss sich fragen, wie man mit so viel Aufwand so wenig Ertrag produziert. Vielleicht hilft ja die Rückkehr eines echten Torjägers - oder ein Glücksbringer, der nicht auf der Bank sitzt. Und so bleibt am Ende ein Abend, an dem Genclerbirligi das Nötigste tat, um drei Punkte einzufahren - und Vestel SK das Maximum, um mit leeren Händen dazustehen. In Ankara nennt man das wohl: Fußballalltag mit leichtem Unterhaltungswert. Oder, wie ein älterer Fan beim Verlassen des Stadions murmelte: "Wenn man schon friert, dann wenigstens für einen Sieg." 06.03.643987 12:55 |
Sprücheklopfer
Ich, was meine Person betrifft, entscheide für mich alleine.
Lothar Matthäus