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Wenn ein Spiel mit einem Feuerwerk beginnt, dann meistens auf den Rängen. Am Freitagabend in Malatya aber zündete Gatalasaraj das Spektakel gleich auf dem Rasen. Der 7. Spieltag der 1. Liga Türkei bot den 27.000 Zuschauern im Yeni Malatya Stadyumu ein Torfestival, das sich gewaschen hatte - Endstand 2:4 aus Sicht der Hausherren, die über weite Strecken beherzt kämpften, aber einer entfesselten Offensivreihe der Gäste wenig entgegensetzen konnten. Dabei hatte alles so hoffnungsvoll für Malatiaspor begonnen. In der 11. Minute zirkelte Alex Baiao, der brasilianische Linksaußen, nach feinem Zuspiel von Haluk Karan den Ball in den Winkel - 1:0, das Stadion bebte. "Da dachte ich, das wird unser Abend", gab Trainer Jan Metric später mit einem bitteren Lächeln zu Protokoll. Zwei Minuten später sah die Welt allerdings schon ganz anders aus. Der erst 19-jährige Alper Korkmaz traf nach Vorlage von Ferruh Saglam zum Ausgleich - eiskalt, als hätte er schon 200 Erstligaspiele auf dem Buckel. Und Gatalasaraj hatte gerade erst angefangen. In der 16. Minute ließ Gabriel Gayheart, der bullige Mittelstürmer aus Trinidad, Malatyas Hintermannschaft alt aussehen. Eine butterweiche Flanke von Filipe Mendes, ein wuchtiger Kopfball - 1:2. "Ich hab nur den Wind gespürt, als er an mir vorbeiflog", stöhnte Malatyas Innenverteidiger Köksal Keles später. Kurz darauf sah man, was Offensive im Wörterbuch von Trainer Carlo Colucci bedeutet: Dauerangriff. In der 37. Minute war es wieder Gayheart, diesmal nach einem Pass des 18-jährigen Eustatius Van Cortlandt, der das 3:1 markierte. Colucci grinste an der Seitenlinie und rief seinem Team zu: "Weiter, Jungs, wir sind noch nicht satt!" - woraufhin sein Co-Trainer ihm trocken entgegnete: "Chef, vielleicht sollten wir den Nachtisch fürs Ende aufheben." Zur Pause führte Gatalasaraj 3:1, und obwohl Malatiaspor laut Statistik etwas mehr Ballbesitz hatte (52 %), war klar, wer das Spiel kontrollierte. 21 Torschüsse der Gäste gegenüber 10 der Heimelf sprechen eine deutliche Sprache. In der zweiten Hälfte kam Malatiaspor mit frischem Mut aus der Kabine. Erneut war es Alex Baiao, der in der 56. Minute nach einem schnellen Konter und wieder auf Vorlage von Haluk Karan auf 2:3 verkürzte. "Ich hab’s einfach nochmal versucht, bevor die Beine müde werden", lachte Baiao nach dem Spiel. Der Doppeltorschütze war der Lichtblick in einer sonst überforderten Defensive. Gatalasaraj reagierte mit Routine. Trainer Colucci brachte zur zweiten Hälfte den jungen Karoly Nyers für Doppelpacker Gayheart - frisches Blut, wie er es nannte. Später kam auch Durul Tüfekci für den gelbverwarnten Mendes. "Wir wollten das Tempo hochhalten und gleichzeitig keine Dummheiten riskieren", erklärte Colucci. Malatiaspor drückte, hatte durch Pehlivan Avci in der 87. Minute noch eine gute Chance, aber am Ende setzte wieder der jugendliche Übermut der Gäste den Schlusspunkt: In der 95. Minute legte Önder Topal quer, und Alper Korkmaz schnürte seinen Doppelpack zum 4:2-Endstand. Der Teenager jubelte ausgelassen, Colucci dagegen blieb erstaunlich gelassen. "Ich mag’s nicht, wenn meine Spieler zu früh feiern - aber nach dem vierten Tor darf man schon mal tanzen", meinte er grinsend. Gelbe Karten gab’s auch: Filipe Mendes und Curt Schreiner wurden von Schiedsrichter Yildiz verwarnt - beide für robuste, nennen wir es "engagierte" Zweikämpfe. Schreiner verteidigte sich später: "Ich hab den Ball gespielt. Der Ball war halt nur zufällig 20 Zentimeter neben dem Gegner." Nach dem Abpfiff applaudierten die Fans beiden Mannschaften. Malatiaspor hatte verloren, ja, aber erhobenen Hauptes. "Wir sind kein Team, das sich hinten reinstellt und betet", sagte Trainer Metric trotzig. "Wir haben gekämpft. Und wenn man gegen solche Offensivmaschinen vier Stück kriegt, aber selbst zwei schießt, ist das immerhin Unterhaltung pur." Gatalasaraj dagegen scheint in dieser Form kaum zu stoppen. 19-jährige Torjäger, 18-jährige Spielmacher - und ein Trainer, der sie alle mit einem Espresso in der Hand dirigiert. "Wenn sie so weitermachen", meinte ein älterer Fan auf der Tribüne, "brauchen die bald ein zweites Stadion für all die Tore." Und so ging ein Abend zu Ende, an dem Malatya zwar unterlag, aber niemand enttäuscht nach Hause ging. Vier Tore, Leidenschaft, ein bisschen Chaos - und das gute Gefühl, dass Fußball manchmal einfach nur Spaß machen darf. Oder, wie es Alex Baiao am Spielfeldrand sagte, während er sich mit einem Handtuch den Schweiß aus dem Gesicht wischte: "Heute haben wir verloren, aber wenigstens war’s schön laut." 29.03.643987 13:51 |
Sprücheklopfer
Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.
Günter Netzer