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Ein Abendspiel in Kartayl, Flutlichtglanz über dem Rasen, 20.000 Zuschauer, die sich auf einen heißen Tanz am 13. Spieltag der türkischen Süper Lig gefasst machten. Doch schon nach drei Minuten war es nicht mehr Kartaylspor, das den Rhythmus vorgab, sondern Gatalasaraj - und ein 18-jähriger Jungspund namens Rauf Tanman, der mit der Unbekümmertheit eines Schuljungen zum 0:1 einschoss. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Tanman nach der Partie, "ich wusste nicht mal, dass es schon die dritte Minute war." Kartaylspor, das unter Trainer Mustafa Erdem (der an jenem Abend öfter die Stirn rieb, als ihm lieb war) mit 55 Prozent Ballbesitz und neun Torschüssen das Spiel kontrollierte, fand zunächst keine Antwort auf die spritzigen Gäste. Gatalasaraj-Coach Carlo Colucci hatte seine Mannschaft offensiv eingestellt, und vor allem die rechte Seite mit Sabit Mansiz als Dauerläufer und Vorlagengeber funktionierte wie geschmiert. Nach 39 Minuten war es wieder Mansiz, der die Kugel perfekt in den Lauf von Alfred Samuelsson legte - der Schwede verwertete eiskalt zum 0:2. "Ich hab Sabit nur zugerufen: Mach was draus!", lachte Samuelsson später, "und er hat’s tatsächlich gemacht." Mansiz, der sich im Interview die Schweißperlen von der Stirn wischte, meinte trocken: "Wenn die Jungen treffen, kann ich ja endlich mal den Veteranen spielen." Kartaylspor wirkte zu diesem Zeitpunkt wie ein Boxer, der zwar viele Schläge austeilt, aber keine Wirkung erzielt. Die Mannschaft kombinierte gefällig, spielte sicher durch die Mitte und hatte kurz vor der Pause endlich ihr Erfolgserlebnis: Nesim Sanli, der auffällig agile Rechtsaußen, traf in der 44. Minute nach Vorarbeit von Muhsin Bayraktar zum 1:2. Das Stadion tobte, der Trainer sprang, und für einen kurzen Moment glaubte man an die Wende. "Wir waren dran", sagte Sanli später, "aber dann haben wir zu viel gewollt - und Gatalasaraj zu viel gekonnt." Nach dem Seitenwechsel blieb Colucci gelassen. Er brachte mit Alper Korkmaz (19) und Rafael Eusebio (17) zwei blutjunge Spieler - und die machten Dampf. Kartaylspor drückte, hatte Chancen durch Durul Seyhan und Vassilios Nikolopoulos, aber Gatalasarajs Keeper Taylan Altintop hielt, was zu halten war. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", murmelte er später, "aber der Ball kam gefühlt alle zwei Minuten." Kartaylspor zeigte vollen Einsatz, kassierte jedoch zwei Gelbe Karten - eine für Nikolopoulos wegen eines rustikalen Einsteigens (25.) und eine für Innenverteidiger Louis Herzog (70.), der wohl dachte, der Gegner müsse den Ball samt Knöchel verlieren, um fair zu spielen. Gatalasaraj hingegen blieb erstaunlich diszipliniert - nur Bruno Zabaleta sah in der 86. Minute Gelb, nachdem er Sanli an der Seitenlinie sanft, aber bestimmt in die Bande befördert hatte. Als das Spiel schon in die Schlussminute ging, schien Kartaylspor alles nach vorn zu werfen - und genau das nutzte Gatalasaraj gnadenlos aus. Yunus Özalan, der über die rechte Seite schon das ganze Spiel gewirbelt hatte, schnappte sich den Ball, zog durch, ließ zwei Verteidiger stehen und schob in der 90. Minute zum 1:3 ein. "Ich hab nur gesehen, dass keiner mehr hinten war", grinste Özalan, "da dachte ich, das wäre unhöflich, das nicht auszunutzen." Die Statistik erzählt die Geschichte eines Spiels, das Kartaylspor eigentlich nicht verlieren durfte: mehr Ballbesitz (55 zu 45 Prozent), mehr Struktur, aber weniger Effizienz. Gatalasaraj hatte 16 Abschlüsse aufs Tor, nutzte drei davon - und das reichte. Trainer Colucci fasste es nach Abpfiff lakonisch zusammen: "Wir haben weniger den Ball gebraucht, aber mehr damit gemacht." Kartaylspor-Coach Erdem dagegen stand minutenlang an der Seitenlinie, die Hände in den Taschen, und murmelte etwas von "Lehrgeld" und "fehlender Cleverness". Auf der Pressekonferenz sagte er dann mit bitterem Lächeln: "Wir haben schön gespielt. Leider kann man sich davon nichts kaufen - höchstens eine neue Tafel für den Taktikraum." Ein Abend also, an dem die Jugend von Gatalasaraj den Ton angab, während Kartaylspor zwar tapfer, aber glücklos kämpfte. Die 20.000 Zuschauer gingen mit gemischten Gefühlen nach Hause - einige klatschten, andere pfiffen, und irgendwo im Stadion soll ein älterer Fan gesagt haben: "Früher hätten wir so ein Spiel gewonnen. Aber früher war ja auch der Ball aus Leder." Und so bleibt die Erkenntnis: Wer drei Tore schießt, darf ruhig ein bisschen weniger den Ball haben - Hauptsache, man weiß, was man damit tut. 17.06.643987 07:27 |
Sprücheklopfer
Wir waren alle vorher überzeugt davon, dass wir das Spiel gewinnen. So war auch das Auftreten meiner Mannschaft, zumindest in den ersten zweieinhalb Minuten.
Peter Neururer