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Es war einer dieser Abende im Ali-Sami-Yen-Stadion, die man nicht so schnell vergisst - zumindest nicht, wenn man neutraler Beobachter ist. Für die Fans von Gatalasaraj schwankte der Puls zwischen Verzweiflung, Hoffnung und Ekstase. Am Ende stand ein 2:2 gegen Ordunspor, das sich fast wie ein Sieg anfühlte - und das nach einer ersten Halbzeit, die Trainer Carlo Colucci wohl noch lange in seinen Albträumen heimsuchen wird. Schon nach elf Minuten herrschte betretenes Schweigen auf den Rängen. Ausgerechnet Rechtsverteidiger Mehmet Karaman, der vermutlich selbst nicht wusste, was er da tat, zog nach einem Pass von Carl Alves einfach mal ab - und der Ball zappelte im Netz. 1:0 für Ordunspor. Torwart Diego Carvalho sah dem Leder nur hinterher und reckte hilflos die Arme: "Ich dachte, der fliegt vorbei", murmelte er später und grinste gequält. Als dann in der 28. Minute Taylan Kaloglu mit einem feinen Schlenzer zum 2:0 nachlegte, diesmal nach Vorarbeit von Kenan Asik, rieben sich viele Zuschauer die Augen. Zwei Torschüsse, zwei Tore - Effizienz, die man sonst nur von Lehrvideos kennt. "Wir wollten heute mal zeigen, dass Statistik nicht alles ist", meinte Ordunspors Coach mit einem Augenzwinkern nach dem Spiel. Gatalasaraj hingegen hatte schon da 10 Abschlüsse auf dem Konto, aber das Glück eines Lottospielers ohne Los. Yildirim Oktay prüfte den Keeper mehrfach, Veli Kurtulus rannte sich die Beine wund - aber das Tor blieb wie verhext. Kurz vor der Pause dann wenigstens ein Lebenszeichen: Pekcan Aziz sah Gelb, Carlo Colucci sah rot im Gesicht, und 33.542 Zuschauer sahen in die Halbzeitpause. "Ich hab in der Kabine nicht geschrien, nur sehr laut gesprochen", erklärte Colucci später. Was auch immer er sagte - es wirkte. Denn kaum war der zweite Durchgang angepfiffen, brach der junge Veli Kurtulus durch. In der 46. Minute drückte er den Ball nach einem langen Diagonalpass von Innenverteidiger Caio Mendivil über die Linie. 1:2 - der Funke war gezündet. Nur eine Minute später dann der Schreckmoment: Der erst 17-jährige Innenverteidiger Iker Djalo blieb nach einem Zweikampf liegen, musste ausgewechselt werden. "Er hat sich wohl leicht am Sprunggelenk verdreht", meinte Colucci später, "aber der Junge ist zäh wie Leder." Für ihn kam Benjamin Willoughby - und brachte Ruhe in die Abwehr, die zuvor eher an einen offenen Marktplatz erinnerte. Gatalasaraj drückte nun, als ginge es um die Meisterschaft. Filipe Mendes kam für den glücklosen Pekcan Aziz und brachte frischen Wind über rechts. Schuss um Schuss prasselte auf das Tor von Sami Kocaoglu, der sich zum Mann des Abends mauserte. 17 Torschüsse der Heimmannschaft, 45 Prozent Ballbesitz - und trotzdem schien der Ausgleich lange wie eine Fata Morgana in der anatolischen Sonne. Bis zur 84. Minute. Da war es dann soweit: Pascal Schramm, gerade 20 Jahre alt und zuvor eingewechselt, stieg nach einer butterweichen Flanke von Yildirim Oktay hoch und köpfte das Leder in die Maschen. 2:2! Das Stadion explodierte. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass es passt", grinste Schramm nach dem Spiel. Es passte perfekt. Ordunspor versuchte zwar noch, die Uhr runterzuspielen, aber die Kräfte schwanden. Moritz Parent kassierte in der 77. Minute Gelb, weil er versuchte, einen Freistoß im Schneckentempo auszuführen - sinnbildlich für den Zustand seines Teams. "Wir hätten das 3:0 machen müssen", haderte Torschütze Kaloglu, "aber dann haben wir uns zu weit hinten reindrücken lassen." Und so blieb es beim 2:2, das beiden Teams irgendwie nicht schmeckte, aber beiden etwas gab: Gatalasaraj Moral, Ordunspor immerhin einen Auswärtspunkt. Trainer Colucci fasste es am besten zusammen: "Wir haben 45 Minuten geschlafen und danach Fußball gespielt. Wenn wir das noch umdrehen, steigen wir vielleicht irgendwann mal auf - in die Kategorie ’konstant’." Ein Zuschauer auf der Tribüne brachte es etwas direkter auf den Punkt: "Warum spielen die nicht einfach von Anfang an so?" Eine Frage, die sich vermutlich ganz Istanbul stellte. Aber immerhin: Die Comeback-Qualitäten sind da, die jungen Wilden treffen, und die Fans bekamen für ihr Eintrittsgeld Dramatik pur. Und wenn man ehrlich ist - ein langweiliges 1:0 wäre doch viel schlimmer gewesen. 26.05.643987 10:57 |
Sprücheklopfer
In der Schule gab's für mich Höhen und Tiefen. Die Höhen waren der Fußball.
Thomas Häßler