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Es war einer dieser Abende, an denen man in Florenz den Espresso etwas stärker brüht. 43.500 Zuschauer im Stadio Artemio Rossi - und alle wussten: Halbfinale der Champions League, Hinspiel, SC Florenz gegen den SC Norderstedt. Italienische Leidenschaft gegen norddeutsche Disziplin, Pasta gegen Pumpernickel, Sonne gegen Sturm. Am Ende hieß es 1:0 für die Gastgeber - ein Ergebnis, das nüchtern aussieht, aber eine ganze Oper voller Drama verbarg. Die ersten Minuten gehörten den Gästen. Gerade fünf Minuten waren gespielt, da prüfte Adam Lester mit einem kernigen Schuss den florentinischen Keeper Nelson Gome. Der musste sich ordentlich strecken, um nicht gleich die Stimmung im Stadion einfrieren zu lassen. "Ich habe den Ball nicht gesehen, ich habe ihn nur gehört", gestand Gome später mit einem Grinsen. Florenz brauchte ein paar Minuten, um den Schock abzuschütteln. Dann kam die rechte Flanke in Fahrt - Vitor Caneira zog in der 14. Minute erstmals gefährlich ab, kurz darauf versuchte es der Innenverteidiger Valerio Morano per Kopf, als wolle er beweisen, dass auch Verteidiger Träume haben dürfen. Beide Teams hatten sich offenbar vorgenommen, das Torpfosten-Material gründlich zu testen: Zehn Torschüsse auf beiden Seiten, 56 Prozent Ballbesitz für Florenz, 44 für Norderstedt - eine Statistik wie ein ausgewogenes Mittagessen, das aber doch nur einer richtig genießen durfte. Und dieser "eine" hieß Ton Tenbrook. Der niederländische Innenverteidiger, sonst eher mit Grätschen als mit Glanzmomenten beschäftigt, stieg kurz vor der Halbzeit nach einer butterweichen Flanke von Julien Reyns in den florentinischen Abendhimmel - und wuchtete den Ball per Kopf ins Netz. 1:0, Minute 45, und das Stadion explodierte. "Julien hat mir gesagt, ich soll einfach die Augen zu machen und zielen", lachte Tenbrook hinterher. "Hat funktioniert." Coach Giovanni Ferrari, sonst der Inbegriff italienischer Gelassenheit, jubelte kurz, schob dann aber sofort den imaginären Schachstein auf dem Taktikbrett weiter: "Ein Tor ist kein Sieg, es ist nur ein Argument für den nächsten Monolog", erklärte er nach der Partie in seiner typisch verkopften Art. Norderstedt-Trainer Andre Marsmann dagegen sah in der Pause aus, als hätte ihm jemand den Lieblingsschal geklaut. Seine Mannschaft hatte zwar gekämpft, aber der letzte Pass fand selten den Weg. Nach dem Seitenwechsel ließ Marsmann offensiver spielen, drängte über die Mitte - und der bullige Lewis Bancroft hatte in der 68. und 79. Minute zwei Riesenchancen. Beide Male flog der Ball knapp am Pfosten vorbei. "Das war kein Pech, das war Florenz’ Abwehrkunst", grantelte Marsmann danach, halb ironisch, halb resigniert. Florenz zog sich in der zweiten Halbzeit zurück, spielte defensiv, wie es die Statistik bestätigt - keine Spur mehr vom frühen Pressing. Stattdessen: kontrollierte Hektik, lange Bälle, und ab der 80. Minute Gelb für Alex Mendoza, der offenbar vergessen hatte, dass man in Europa für rustikale Grätschen inzwischen Eintritt zahlen muss. Dann kam die Nachspielzeit, und sie hatte noch ihre eigene Tragödie parat: Mendoza verletzte sich in Minute 92, musste runter, und der junge Jacopo Locatelli kam zu seinem Champions-League-Debüt. "Ich dachte, ich bekomme höchstens einen Espresso, keinen Einsatz", sagte der 22-Jährige später sichtlich bewegt. Norderstedt warf in den letzten Minuten alles nach vorn, brachte sogar den Ersatztorwart Joel Eckert für den angeschlagenen Larry Oudekirk - eine Maßnahme, die mehr nach Notfallplan als nach Masterplan klang. Doch der Ausgleich wollte einfach nicht fallen. Nach dem Schlusspfiff atmete Florenz kollektiv durch. Die Fans sangen, Trainer Ferrari winkte höflich, und Tenbrook umarmte den Ball, als sei er ein Souvenir aus purem Gold. "Ein 1:0 ist kein Traum, aber es ist ein Anfang", meinte Ferrari. Marsmann dagegen zischte trocken: "Wir haben noch 90 Minuten. Und in Norderstedt regnet’s gern mal Tore." So endet ein Abend, der Fußball in seiner ganzen Schönheit und Absurdität zeigte: Ein Innenverteidiger köpft den Sieg, ein Torwart wird ausgewechselt, und ein junger Ersatzmann erlebt seinen großen Moment in der Nachspielzeit. Man darf gespannt sein, ob Florenz im Rückspiel das fragile Kunstwerk verteidigen kann - oder ob Norderstedt den Regen tatsächlich mitbringt. Bis dahin bleibt Tenbrooks Kopfball der Soundtrack eines florentinischen Frühlings, der nach mehr ruft. 02.09.643993 05:30 |
Sprücheklopfer
He, Brrrand, du - du bist doch bolitisch, bist du doch, du Grüner, machst auf sozial und hetzt hier den Schirri gegen uns auf.
Lothar Matthäus im Pokalhalbfinale Bayern gegen Rostock zu Christian Brand: