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Wenn 39.023 Zuschauer an einem kühlen Februarabend in Bologna für 90 Minuten vergessen, dass eigentlich Winter ist, dann hat das oft mit Leidenschaft, Drama und einem gewissen Ferrario zu tun. AS Bologna schlug Palermo Calcio mit 2:1 (1:1) - und das war ein Sieg, der weniger nach Taktiktafel, sondern eher nach Herzblut roch. Palermo begann mutig. Schon in der 4. Minute prüfte Aldo Lombardo die Reflexe von Bolognas Keeper Enrico Satriano - und der musste sich strecken wie ein Turner auf Valium. Palermo spielte offensiv, ganz wie es ihre Taktik vermuten ließ: vorne drauf, hinten offen. In der 24. Minute dann die Belohnung: Lombardo netzte nach feinem Zuspiel von Marchesato ein. "Ich musste nur noch den Fuß hinhalten", grinste Lombardo später - was in Wahrheit etwas tiefstaplerisch klang, denn der Abschluss war so trocken wie ein sizilianischer Weißwein. Bologna, leicht geschockt, reagierte mit Wut im Bauch und Pässen im Kurzformat. Daniel Marcel kurbelte das Spiel an, Sebastian Nagel rannte unermüdlich auf links, und auf rechts begann ein 21-jähriger, von dem man künftig wohl noch öfter hören wird, langsam zu glühen: Giacomo Ferrario. Kurz vor der Pause, in der 42. Minute, war es soweit. Nagel tankte sich über links durch, flankte halbhoch in die Mitte, und Ferrario drosch das Leder mit jugendlicher Unbekümmertheit unter die Latte. 1:1. Stadion im Ausnahmezustand. "Ich hab’ gar nicht nachgedacht", sagte Ferrario später - und genau das machte das Tor wohl so schön. Zur Pause stand es also ausgeglichen, das Spiel aber keineswegs still. Palermo hatte etwas mehr Ballbesitz (50,0088 Prozent, falls jemand mitzählt), Bologna dafür die klareren Chancen - 17 Schüsse aufs Tor sprechen eine deutliche Sprache. Und Trainer Ferdinand Mayer blieb seinem Stil treu: kein Pressing, keine Hektik, aber unerschütterlicher Glaube an die eigene Offensive. In der zweiten Halbzeit setzte Bologna nach. Iason Theodoridis probierte es in der 52. Minute aus der Distanz, Nagel zweimal kurz hintereinander (60. und 62.), und Ferrario scheiterte in der 61. nur hauchdünn. Palermo kam kaum mehr aus der eigenen Hälfte, und als Andrea Marchesato in der 57. verletzt raus musste, schien der Wind endgültig zu drehen. Trainer Di Stefano, der auf der Bank wild gestikulierte, brachte Sabbatini - doch das Spiel seiner Elf blieb fahrig. Dann die Schlüsselszene in der 84. Minute: Daniel Marcel tanzt sich durchs Zentrum, hebt den Kopf, steckt durch auf Nagel - und der bleibt eiskalt. 2:1! Das Stadion bebte, als hätte jemand den Vesuv unter der Curva Rossoblu entfacht. Nagel, sonst eher der stille Arbeiter, riss die Arme hoch, während Mayer an der Seitenlinie so tat, als sei das alles reine Routine. "Wir haben das Spiel nie aus der Hand gegeben", sagte er später mit einem Grinsen, das kaum verriet, wie sehr er in der 70. Minute noch an seinen Fingernägeln gekaut hatte. Palermo versuchte danach, noch einmal Druck zu machen, doch Lombardo fand keine Lücke mehr. In der 79. Minute sah Ferrario Gelb - vielleicht, weil er bei einem Zweikampf zu sehr an einen Kampftanz erinnerte. "Der Schiri hatte wohl Lust auf Farbe", witzelte Mayer hinterher. Am Ende blieb es beim 2:1. Statistisch war es fast ein Gleichgewichtsspiel, gefühlt aber hatte Bologna mehr vom Leben. Die Defensive stand, das Mittelfeld arbeitete, und vorne war Ferrario der Funken, der das Feuer entfachte. "Ich glaub, wir haben heute gezeigt, dass wir auch nach Rückstand ruhig bleiben können", sagte Kapitän Marcel nach dem Abpfiff und zwinkerte dabei in Richtung der Journalisten. "Und dass Giacomo langsam auf Espresso läuft." Palermo verabschiedete sich mit hängenden Köpfen, aber ohne Schande. Ihre offensive Ausrichtung blieb mutig bis zuletzt - nur das letzte Quäntchen Präzision fehlte. Fazit: Bologna siegt knapp, aber verdient. Ein junger Held, ein erfahrener Taktiker, und ein Publikum, das den Sieg mit jedem Atemzug herbeischrie. Wenn man so will, war das kein perfektes Spiel - aber eines, das man nicht vergisst. Oder, um es in den Worten von Coach Mayer zu sagen: "Manchmal ist Fußball einfach nur schön, wenn er weh tut." 22.09.643990 21:12 |
Sprücheklopfer
In der Schule gab's für mich Höhen und Tiefen. Die Höhen waren der Fußball.
Thomas Häßler