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20.000 Zuschauer im Istanbuler Şükrü-Saracoğlu-Stadion hatten sich auf ein hitziges Derby gefasst gemacht - und wurden nicht enttäuscht. Am 9. Spieltag der 1. Liga Türkei gewann Gatalasaraj mit 2:1 bei Fenehrbace, in einem Spiel, das mal nach Schachpartie, mal nach Straßenfußball aussah. Fenehrbace begann mit mehr Ballbesitz (55 Prozent) und der Überzeugung, man könne Gatalasaraj einfach müde passen. Trainer Renato Augusto hatte seine Jungs auf "balanced" eingestellt - wie es die Taktiktafel trocken beschrieb. Und tatsächlich: In den ersten Minuten sah das alles ruhig, fast zu ruhig aus. "Wir wollten das Spiel kontrollieren", erklärte Augusto später, "aber Kontrolle ist eben kein Tor." Das erste Tor fiel dann auf der anderen Seite. In der 22. Minute schaltete Gatalasaraj blitzschnell um: Der 18-jährige Rauf Tanman, gerade alt genug, um das Stadionbier noch nicht zu bekommen, schickte Ferruh Saglam steil. Saglam, ein rechter Wirbelwind, ließ Fenehrbaces Abwehr stehen und traf trocken ins lange Eck. 0:1. Die Gästefans feierten, als hätten sie den Meistertitel schon sicher. Doch Fenehrbace reagierte prompt. Nur neun Minuten später war es Ricardo Andrade, der mit 20 Jahren schon mehr Selbstvertrauen als Bartwuchs besitzt, der zum 1:1 ausglich. Nach schönem Zuspiel von Routinier Kamuran Özari drosch er den Ball unter die Latte - ein Tor, das selbst der gegnerische Trainer Carlo Colucci kurz mit einem Nicken würdigte. "Ich hab’s kommen sehen", sagte Colucci später. "Leider zu spät." Mit dem 1:1 ging es in die Pause, und die Fans hatten das Gefühl, hier sei noch alles möglich. Die Statistiken sprachen für Fenehrbace: zwölf Torschüsse, mehr Ballbesitz, mehr Spielanteile. Aber Gatalasaraj wirkte gefährlicher - jeder Angriff roch nach Ärger. Nach dem Seitenwechsel brachte Colucci frische Beine: Önder Topal und Yunus Özalan kamen, während Ferruh Saglam seinen Arbeitstag beendete. Der neue Mann Özalan wirbelte sofort, während Fenehrbace so aussah, als hätte man die Kabinenansprache verschlafen. Dann, in der 75. Minute, der Nackenschlag: Orkut Kabze, Gatalasarajs ruhiger Stratege im Mittelfeld, nahm sich ein Herz. Nach einem feinen Pass von Sean Kennedy zog er aus 20 Metern ab - und der Ball zischte flach ins rechte Eck. 1:2. Torwart Özkan Özdenak flog, aber nur zum Foto. Die letzten 15 Minuten waren ein einziger Sturmlauf der Gastgeber. Humberto da Costa prüfte in der 91. Minute noch einmal den Keeper, aber Taylan Altintop im Gatalasaraj-Tor hatte einen Sahnetag erwischt. Dazwischen bekam Fenehrbaces Linksverteidiger Dionysios Firos noch Gelb - vermutlich aus Frust, weil der Ball einfach nicht mehr ins Netz wollte. "Wir hatten die Chancen, sie hatten das Glück", knurrte Fenehrbace-Trainer Augusto nach dem Abpfiff. Sein Gegenüber Colucci konterte charmant: "Glück ist Taktik, wenn man’s richtig macht." Ein Satz, der vermutlich morgen auf T-Shirts in Gatalasaraj-Farben zu lesen sein wird. Ricardo Andrade, Fenehrbaces junger Torschütze, versuchte es mit Humor: "Ich dachte, ich mache zwei Tore, aber der Ball dachte anders." Und tatsächlich, in der 71. Minute hatte er noch einmal die große Gelegenheit - doch sein Schuss strich hauchdünn vorbei. Gatalasaraj siegte letztlich nicht wegen überlegener Zahlen - acht Torschüsse, weniger Ballbesitz, weniger Zweikämpfe gewonnen - sondern wegen Effektivität. Zwei Chancen, zwei Tore. Das nennt man wohl "sure shooting", wie es die Taktikstatistik nüchtern zusammenfasst. Als Schiedsrichter Alkan das Spiel abpfiff, stand Fenehrbace ratlos im Mittelkreis, während Gatalasaraj jubelnd Richtung Gästeblock rannte. Die Stimmung: elektrisierend, aber mit der typischen Portion Melancholie, die dieses Derby immer begleitet. Zum Schluss blieb Zeit für eine kleine Szene, die sinnbildlich war: Fenehrbaces Kapitän Özari klopfte Gatalasarajs Kabze auf die Schulter und sagte leise: "Heute habt ihr’s verdient. Aber im Rückspiel wird’s lauter." Kabze grinste: "Dann bring Ohrstöpsel mit." So endete ein Abend, der alles bot - Tempo, Emotionen, und das Gefühl, dass Fußball manchmal ungerecht, aber nie langweilig ist. Und irgendwo im Stadion murmelte ein alter Fan beim Hinausgehen: "Wenn wir schon verlieren, dann wenigstens mit Stil." Ganz Istanbul nickte. 21.04.643987 18:15 |
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