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Was für eine zweite Halbzeit in Oberwallis! 24 013 Zuschauer im altehrwürdigen Stadion rieben sich verwundert die Augen, als der FC Oberwallis nach einer eher schläfrigen ersten Hälfte plötzlich wie entfesselt aufspielte - und den SC Biel‑Bienne mit 5:1 aus dem Stadion schoss. Trainer Snore Laken, sonst ein Mann der bedächtigen Worte, grinste nach dem Abpfiff: "Ich habe den Jungs in der Pause gesagt: Wenn ihr schon 50 Prozent Ballbesitz habt, dann nutzt sie wenigstens so, dass der Gegner sie auch merkt." Dabei war von einem Fußballfest in den ersten 45 Minuten keine Spur. Oberwallis hatte zwar 19 Torschüsse über das ganze Spiel - aber bis zur Pause landeten die meisten davon in den Händen eines recht beschäftigten Bieler Torwarts Amaury Viqueira. Biel‑Bienne hielt mit 49 Prozent Ballbesitz ordentlich dagegen, brachte aber selbst kaum Gefahr zustande. Ein älterer Fan auf der Haupttribüne seufzte zur Pause: "Wenn das so weitergeht, verpasse ich nicht mal den letzten Bus." Dann kam die 51. Minute - und mit ihr die Initialzündung: Rechtsverteidiger Dimitar Berbatow (!), sonst eher der Mann für rustikale Grätschen, tauchte vorne auf und donnerte nach Zuspiel von Claude Ziegler das Leder ins Eck. "Ich wollte eigentlich flanken", gab Berbatow später verschmitzt zu. "Aber der Ball hatte offenbar andere Pläne." Das Stadion explodierte, und plötzlich war der Knoten geplatzt. Nur vier Minuten später glich Guillaume Böhm für Biel‑Bienne aus, nach feinem Pass von Nemanja Rukavina. Kurz keimte Hoffnung bei den Gästen auf - doch sie hielt nur so lange wie ein Schokoladenriegel in der Sonne. Was danach folgte, war ein rot‑weißes Feuerwerk. Michael Winston, der 33‑jährige linke Flügelmann, legte in der 61. und 64. Minute doppelt nach. Erst verwandelte er nach Zuspiel von Marcio Pacos eiskalt, dann vollendete er ein Zuspiel von Isaac Dennehy, der kurz darauf ausgewechselt wurde und beim Runtergehen noch rief: "Jetzt macht’s bitte zweistellig!" Biel‑Bienne wirkte in dieser Phase wie ein Team, das vergessen hatte, auf welcher Seite das eigene Tor steht. Innenverteidiger Björn Weller schimpfte hörbar über die fehlende Zuordnung, während Trainer an der Seitenlinie mit den Händen fuchtelte - vergeblich. In der 70. Minute war es dann Günter Weller (nicht verwandt mit dem Bieler), der nach erneutem Zuspiel von Ziegler das 4:1 erzielte. Der junge Mittelfeldmann Ziegler war ohnehin der Taktgeber dieses Spiels - zwei Assists, unzählige Pässe und eine Passquote, die seinen Statistik‑Lehrer stolz gemacht hätte. Als die meisten Zuschauer schon überlegten, welche Pointe sie morgen im Büro erzählen würden, setzte Günter Weller in der 83. Minute noch einen drauf. Nach Vorarbeit von Lars Wegner drosch er den Ball humorlos unter die Latte - 5:1! Das Stadion stand Kopf, die Ersatzspieler tanzten an der Seitenauslinie, und Coach Laken gönnte sich einen seltenen Luftsprung. Nur eine Gelbe Karte für Weller in der 89. Minute trübte das Bild minimal - offenbar hatte er beim Torjubel vergessen, dass Trikot‑Ausziehen immer noch verboten ist. "Das war wie ein Staudammbruch", grinste Michael Winston später, noch halb im Adrenalinrausch. "In der ersten Halbzeit haben wir uns gefragt, ob wir überhaupt treffen dürfen. Dann hat Berbatow angefangen - und plötzlich wollte jeder mal." Biel‑Biennes Kapitän Rukavina seufzte dagegen: "Wir haben uns nach dem 1:1 zu sicher gefühlt. Gegen Oberwallis darf man das nicht - die schießen so schnell, dass du kaum blinzeln darfst." Die Statistik unterstreicht das Spektakel: 19 Torschüsse für Oberwallis, nur 4 für Biel‑Bienne. Beim Ballbesitz fast Gleichstand, aber in den Zweikämpfen war Oberwallis mit 56 Prozent klar vorn. Es war kein Zufall, dass sie zum Ende hin sogar Pressing spielten, als andere längst auf Zeit gespielt hätten. Trainer Laken fasste es mit trockenem Humor zusammen: "Wir haben offensiv angefangen, offensiv weitergemacht und offensiv aufgehört. Nur der Torwartwechsel war defensiv gedacht - Janek Pasieka hatte einfach zu wenig zu tun." So endete ein Abend, der als Lehrbuchbeispiel für die Macht einer zweiten Halbzeit in die Klubgeschichte eingehen dürfte. Und irgendwo im Wallis wird noch immer jemand sagen: "Ich wollte ja nur kurz hinschauen - und dann kam das Fünfte." Ein augenzwinkerndes Schlusswort: Wenn der FC Oberwallis so weitermacht, sollte die Liga vielleicht über eine eigene Kategorie nachdenken - "Halbzeit‑Zerstörer". SC Biel‑Bienne indes wird sich wünschen, dass das Rückspiel maximal 45 Minuten dauert. 29.03.643987 13:45 |
Sprücheklopfer
Ich kann nicht mehr als schießen. Außerdem standen da 40 Leute auf der Linie.
Toni Polster über eine vergebene Torchance