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Der Montagabend in der IGP Arena hatte alles, was man sich von einem Spiel der 1. Liga Schweiz wünschen kann: fünf Tore, eine Gelb-Rote Karte, ein verletzter Routinier und 33.051 Zuschauer, die zwischen Jubel, Zittern und Kopfschütteln schwankten. Am Ende besiegte der FC Wil den SC Chiasso mit 3:2 - ein Ergebnis, das so knapp klingt, wie es tatsächlich war. Schon die Anfangsphase war ein kleines Feuerwerk. Kaum hatten die Zuschauer ihre Bratwürste halb aufgegessen, traf Georges Voss in der 6. Minute nach Vorarbeit von Antonio Custodio zum 1:0. Der Mittelfeldmann zog einfach mal ab, der Ball zischte an Freund und Feind vorbei ins Eck. "Ich dachte, der landet auf dem Parkplatz", grinste Voss später, "aber offenbar wollte er lieber ins Netz." Doch der Jubel war kaum verklungen, da konterte Chiasso eiskalt. Nur eine Minute später stand der 18-jährige Andre Bender völlig frei und hämmerte den Ball nach Vorlage von Jadon Sancho unter die Latte - 1:1. Trainer Heiko Vogel, bekannt für seine trockene Art, kommentierte das später mit einem Schulterzucken: "Wir wollten früh Druck machen. Hat ja auch genau eine Minute funktioniert." Wil ließ sich davon aber nicht beirren. Mit 58 Prozent Ballbesitz und einer klaren Feldüberlegenheit rollten sie Angriff um Angriff. In der 21. Minute drehte sich die Geschichte der ersten Minuten um: diesmal bediente Voss seinen Vorlagengeber Custodio, der zum 2:1 einschob. "Antonio und Georges, das ist fast schon ein Liebespaar auf dem Platz", witzelte Trainer Jens Bauer nach dem Spiel. Als dann Luca Martel in Minute 36 nach einer Flanke von Klaus Betz das 3:1 erzielte, stand das Stadion Kopf. Der junge Stürmer jubelte mit ausgestreckten Armen vor der Kurve, während Bauer an der Seitenlinie wild gestikulierte - ob vor Freude oder weil er seine Stimme verloren hatte, blieb unklar. "Ich hab ihm zugerufen, er soll nicht abheben", lachte Bauer später. "Aber der Junge hört nur noch das Publikum." Chiasso wirkte bis zur Pause benommen, kam aber mit verändertem Gesicht aus der Kabine. Vogel brachte frisches Personal: MacDuff für Neumann, Engel für Sancho und später Erdmann für Wilhelm. Und tatsächlich, das Spiel wurde offener. In der 60. Minute war es dann Michel Engel, gerade eingewechselt, der nach schöner Vorlage von Fernando Carvalho auf 3:2 verkürzte. Plötzlich war wieder Leben in der Bude - zumindest bei den 300 mitgereisten Chiasso-Fans, die sich lautstark bemerkbar machten. Ab da entwickelte sich eine wilde Schlussphase. Chiasso, nun mit 13 Torschüssen insgesamt, drängte auf den Ausgleich, während Wil auf Konter lauerte. In der 70. Minute prüfte Niclas Wilhelm mit einem satten Schuss Torhüter Van Bocxlaer, der glänzend parierte. "Ich hab kurz gedacht, der Ball kommt durch meine Handschuhe durch", gab der Keeper später zu. Dann wurde es hitzig: In der 84. Minute sah Chiassos Rechtsverteidiger Per Hogmo nach wiederholtem Foulspiel Gelb-Rot - ein jugendlicher Überschwang, der teuer wurde. "Ich wollte nur den Ball", verteidigte er sich nach dem Spiel kleinlaut. Trainer Vogel reagierte ungewohnt milde: "Er ist 20. Ich war in dem Alter auch kein Kind von Traurigkeit." Die letzten Minuten waren ein Wechselbad der Gefühle. Wil hatte Chancen auf das 4:2, vor allem Martel vergab in der 93. Minute die endgültige Entscheidung. Auf der anderen Seite fiel Routinier Safi Topuz nach einem Zweikampf unglücklich und musste verletzt raus - die Partie endete in einer Mischung aus Applaus und Erleichterung. Statistisch gesehen war es ein Spiel auf Augenhöhe: Wil mit 10 Torschüssen, Chiasso mit 13, dazu ein leicht besseres Zweikampfverhältnis für die Gäste (52:48). Doch am Ende zählen Tore, und da hatte der FC Wil das glücklichere Händchen. Trainer Bauer brachte es auf den Punkt: "Wir haben’s spannend gemacht, damit die Leute wiederkommen." Und das taten sie mit einem breiten Grinsen. Denn solche Abende, an denen Fußball zwischen Genie und Wahnsinn pendelt, liebt man in Wil - solange das Ergebnis stimmt. Vielleicht war’s kein perfekter Sieg, aber einer mit Charakter. Und wer Charakter zeigt, darf auch mal ins Schwitzen kommen. Oder, wie Bauer beim Rausgehen murmelte: "Wenn alle Spiele so laufen, brauch ich bald Herztabletten - aber ich nehm sie gern." 22.08.643993 13:06 |
Sprücheklopfer
Was der Rudi Bommer heute mit seinen 800 Jahren geleistet hat, war schon phänomenal.
Dragoslav Stepanovic