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Wenn ein Fußballspiel an einem kalten Januarabend die Herzen erwärmt, dann war es dieses: Der FC Wil entführte am 9. Spieltag der 2. Liga Schweiz mit einem 3:2-Sieg alle Punkte aus Bellinzona - und das nach einem Spiel, das so viele Wendungen bot wie ein guter Krimi. 16.000 Zuschauer sahen Tore, Torschüsse, Gelbe Karten und jede Menge Emotionen. Schon nach drei Minuten war der Puls im Stadio Comunale oben. Linus Miller, Wils wieselflinker Linksaußen, nahm eine butterweiche Flanke von Alfonso Gonzalo direkt - und der Ball zappelte im Netz. 1:0 für die Gäste, die gar nicht erst so taten, als wollten sie sich defensiv verstecken. "Wir wollten nicht lange fackeln", grinste Miller später. "Wenn man früh trifft, kann man sich danach richtig schön aufregen, wenn’s wieder eng wird." Denn eng wurde es. Bellinzona brauchte zwar 20 Minuten, um den Schock zu verdauen, dann aber brannte die Luft. In der 22. Minute köpfte Innenverteidiger Kai Maass nach einer Ecke von Dirck Hoogaboom zum 1:1 ein - und das Stadion bebte. Nur zwei Minuten später drehte Tom Fuchs, der Routinier auf der rechten Seite, das Spiel: Nach feinem Zuspiel von Jesus Lustig schlenzte er den Ball in den Winkel. 2:1. Wer’s mit den Tessinern hielt, rieb sich die Augen. "Ich hab schon gedacht, ich träume", sagte Fuchs später, "aber leider kam der Wecker schneller, als mir lieb war." Denn der FC Wil antwortete prompt. Nur vier Minuten nach Bellinzonas Doppelschlag war es der junge Mittelstürmer Luca Martel, der einen präzisen Pass von Georges Voss aufnahm und eiskalt zum 2:2-Halbzeitstand einschob. Trainer Jens Bauer, der an der Seitenlinie in seiner dicken Winterjacke unentwegt gestikulierte, hatte offenbar die richtige Mischung aus jugendlichem Mut und taktischer Disziplin gefunden. "Wir wollten offensiv bleiben, auch wenn’s mal brennt", sagte er nach dem Spiel, "und in Bellinzona brennt’s bekanntlich schnell." In der zweiten Hälfte verflachte das Spiel zunächst. Bellinzona hielt den Ball mit knapp 51 Prozent Ballbesitz etwas länger, doch Wil blieb gefährlicher. Vor allem Alfonso Gonzalo, der schon das erste Tor vorbereitet hatte, drehte auf. In der 58. Minute war er es schließlich selbst, der nach einem präzisen Zuspiel von Pierre Delmas das 3:2 markierte. Ein Treffer wie aus dem Lehrbuch: flacher Abschluss, Torwart chancenlos. Jubel bei den rund 300 mitgereisten Wil-Fans, Entsetzen auf den Rängen der Heimelf. Danach wurde es ruppiger. Bellinzonas Rechtsverteidiger Alvertos Andreadis sah in der 61. Minute Gelb, nachdem er Miller etwas zu deutlich zeigte, wo der Mittelkreis aufhört. Auch Wils Abwehrhüne Archie Satchmore holte sich später noch den gelben Karton ab (86.), als er Wilhelm Aimee kurz vor Schluss unsanft stoppte. "Das war kein Foul, das war Liebe", witzelte Satchmore nach Abpfiff. Bellinzona drückte in den letzten Minuten, kam durch Aimee und Lustig noch zu zwei guten Chancen (89. und 92.), aber Wils Keeper René Haas blieb Herr der Lage. "Ich hab nur gehofft, dass keiner der Bälle durch die Kälte steinhart wird - sonst hätt’s wehgetan", schmunzelte der Schlussmann. Statistisch war die Partie fast ausgeglichen: 10:12 Torschüsse, 50,9 zu 49,1 Prozent Ballbesitz, Zweikampfquote knapp pari. Doch die Effizienz machte den Unterschied - und der Mut, nach dem Rückstand nicht in den Verwaltungsmodus zu schalten. Bellinzonas Trainer schwieg nach Abpfiff eine Weile, ehe er mit trockenem Humor meinte: "Wir haben drei Tore geschossen - zwei ins richtige Tor, eines leider zu früh kassiert." Damit traf er den Nagel auf den Kopf: Es war kein schlechtes Spiel seiner Mannschaft, aber eben eines, in dem der Gegner das Quäntchen mehr Zielstrebigkeit zeigte. So nahm der FC Wil drei Punkte mit nach Hause und Bellinzona bleibt das Gefühl, viel investiert und wenig bekommen zu haben. Ein klassischer Fußballabend also - mit allem, was dazugehört: Dramatik, Humor, Zitaten und einem Ergebnis, das den neutralen Zuschauer zufrieden lächeln lässt. Und vielleicht, ganz vielleicht, denkt Trainer Bauer schon an den nächsten Spieltag. "Wenn wir wieder so anfangen, darf’s gern ein bisschen weniger spannend werden", sagte er zum Abschied. Doch wer Wils Offensivgeist kennt, weiß: Das ist wohl leeres Gerede. 21.04.643987 22:43 |
Sprücheklopfer
Wenn ich natürlich bei meinen Sechs-Minuten-Einsätzen bis zur Winterpause 30 Tore schieße, werde ich vielleicht nicht gehen dürfen.
Jan-Aage Fjörtoft